Fondazione Alexander Langer Stiftung ETS
Bindergasse 5, 39100 Bozen (BZ), Italien

Begründung zur Verleihung des Internationalen Alexander Langer Preises 2026 

François Kamate Kasereka

Der Internationale Alexander Langer Preis 2026 geht an den jungen kongolesischen Klima- und Menschenrechtsaktivisten François Kamate Kasereka. Mit dieser Entscheidung würdigt die Stiftung den Mut, die Weitsicht und den unermüdlichen Einsatz eines Aktivisten, der sich mit gewaltfreien Mitteln in einer der konfliktreichsten Regionen der Welt, in Nord-Kivu, für die Entwicklung von Frieden, ökologischer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe einsetzt. 

Die östliche Region der Demokratischen Republik Kongo (DRK), Kivu, ist seit den 1990er Jahren von großer Gewalt und Diskriminierung eines Teils ihrer Bevölkerung betroffen. Die Situation verschärfte sich 1994 nach dem Völkermord an den Tutsi in Ruanda erheblich, als die ruandische Armee und die Milizen, die den Völkermord begangen hatten, massenhaft in den Osten der DRK flohen und dort bis heute eine Bedrohung für die Stabilität Ruandas darstellen. Die aufeinanderfolgenden Kriege, die Gewalt der verschiedenen Milizen in der Region, die schlechte Verwaltung der Ressourcen, die Korruption und das Fehlen einer wirksamen Entwicklungspolitik seitens der kongolesischen Regierung haben in den letzten Jahrzehnten mehrere Millionen Todesopfer gefordert. In jüngerer Zeit finden verschiedene afrikanische und internationale Vermittlungsversuche statt, um den Konflikt zwischen der M23-Bewegung auf der einen Seite und der kongolesischen Armee und den genozidalen Demokratischen Kräften zur Befreiung Ruandas (FDLR-Milizen) auf der anderen Seite zu beenden. 

Die DRK gilt als das rohstoffreichste Land der Welt [1], dennoch leben etwa 70 % der Bevölkerung von weniger als 1,9 Dollar pro Tag. [2] Die Verflechtung zwischen bewaffneten Gruppen und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist umfassend dokumentiert. [3,4] Die 

prekäre Lage der kongolesischen Bevölkerung wird zusätzlich durch die schwierigen Kommunikationsbedingungen in verschiedenen Teilen der DRK und insbesondere in der Region Kivu verschärft, die über keine Landverbindungen zur Hauptstadt Kinshasa und zu den Häfen an der westafrikanischen Küste verfügt und geoökonomisch näher an den Ländern Ostafrikas und insbesondere an Ruanda und Uganda liegt. 

Die Provinz Nord-Kivu steht symbolisch für dieses komplexe Geflecht aus Gewalt, sozialem Elend und globaler Ausbeutung der Ressourcen. Nach einem langen Moratorium hat die Regierung kürzlich neue Konzessionen für die Öl- und Gasförderung im Virunga-Nationalpark angekündigt, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und eines der wichtigsten Zentren der Artenvielfalt auf dem Planeten sowie ein grundlegender natürlicher Speicher für Treibhausgase ist. Der Park beherbergt einzigartige Ökosysteme – von tropischen Wäldern bis zu den Vulkanen der Ruwenzori-Kette – und ist die Heimat der letzten Berggorillas. Die zunehmende Ausbeutung fossiler Ressourcen bedroht nicht nur dieses Naturerbe, sondern auch die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. 

Neben den Projekten im Bereich fossiler Brennstoffe ist die Region aufgrund ihres Reichtums an sogenannten „3T-Mineralien” – Tantal, Zinn und Wolfram – von strategischer Bedeutung für die globalen Lieferketten, da diese Mineralien auch für Technologien der Energiewende von grundlegender Bedeutung sind. Etwa die Hälfte der weltweiten Coltan-Reserven befindet sich in der DR Kongo. [5] Diese Ressourcen, die oft unter prekären Bedingungen abgebaut werden, schüren Konflikte, in denen Milizen, staatliche Akteure und internationale Unternehmen um die Kontrolle konkurrieren. Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren, wie Coltan und andere Mineralien illegal in Nachbarländer geschmuggelt und anschließend über zertifizierte Minen in legale Lieferketten eingeführt werden – eine Praxis des Rohstoffwäsche. [6] Vor kurzem hat die von Ruanda unterstützte M23-Bewegung neben der Provinzhauptstadt Goma auch das Gebiet Rubaya erobert, wo sich einige der wichtigsten Coltan-Vorkommen des Landes befinden. Darüber hinaus bleibt die Rolle der staatlichen Institutionen und der kongolesischen Armee in der Rohstoffwirtschaft umstritten. Die Zivilbevölkerung ist Opfer der profitgesteuerten Machenschaften herrschender Mächte. 

In dieser kritischen Situation stellt Klima- und Umweltaktivismus eine vielfältige Form der Friedensförderung dar. Die Klimakrise kostet bereits heute Menschenleben in der DR Kongo, setzt Infrastruktur und Landwirtschaft unter Druck und wirkt als Konfliktverstärker. Gleichzeitig verursachen militärische Infrastrukturen und der Wiederaufbau nach dem Krieg erhebliche Treibhausgasemissionen. Frieden ist daher Voraussetzung und integraler Bestandteil einer wirksamen Klimapolitik. Ökologische Zerstörung und soziale Ungerechtigkeit verstärken sich gegenseitig: Der Kampf gegen die Klimakrise im Kongo ist immer auch ein Kampf für Menschenrechte und eine gerechte Verteilung der Ressourcen. 

Ein gerechter Übergang („just transition”) zu einer klimaneutralen Welt erfordert mehr als technologische Innovation: Er erfordert soziale Kompetenzen der Zusammenarbeit und Solidarität, sowohl auf lokaler als auch auf transnationaler Ebene. Genau hier setzt die Arbeit von François Kamate an. 

Als Aktivist der kongolesischen Sektion der internationalen Kampagne „Debt for Climate” mobilisiert Kamate Studierende, Jugendliche und vom Krieg vertriebene Gemeinschaften, um die Streichung der Auslandsschulden zu fordern, die viele Länder des globalen Südens in Abhängigkeit halten. Die Kampagne verbindet die Idee der Klimagerechtigkeit mit der der wirtschaftlichen Entkolonialisierung und betont, dass eine nachhaltige Energiewende nur möglich ist, wenn die Ressourcen und politischen Handlungsräume des Südens nicht länger durch die Last der Schulden und die damit verbundenen Ausbeutungsdynamiken blockiert werden. 

François Kamate ist ein Vorbild für eine Generation junger afrikanischer Aktivisten, die inmitten von Gewalt und Armut nach Wegen des gewaltfreien Widerstands suchen. Er ist Mitbegründer von Extinction Rebellion Rutshuru, einem lokalen Ableger der internationalen Klimabewegung, und des Amani Institut ASBL, das sich für die Förderung einer Kultur des Friedens einsetzt. Er hat in der Organisation LUCHA (Lutte pour le Changement) gearbeitet und zahlreiche Dialoggruppen zwischen Jugendlichen, lokalen Behörden und der Zivilgesellschaft ins Leben gerufen. Die Kampagnen, an denen er beteiligt war (Fossil Free Virunga, Decolonize Virunga und Fossil Free DRC), haben nationale und internationale Aufmerksamkeit auf illegitime fossile Konzessionen gelenkt und 2024 zur vorübergehenden Aussetzung einer groß angelegten Versteigerung von Öl- und Gaslizenzen beigetragen. 

Neben seiner organisatorischen Arbeit engagiert sich Kamate für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, die Erstellung von Radioprogrammen und Bildungsinitiativen, die ökologische Verantwortung, Dialog und Gewaltfreiheit fördern. Seine Tätigkeit verbindet

lokale Friedensarbeit mit globalem Klimabewusstsein und gibt jungen Menschen eine Stimme in Fragen, die ihre Zukunft direkt betreffen. 

François Kamate Kasereka verkörpert mit seinem Engagement für Klimagerechtigkeit und der ökologischen Transformation das Streben nach einem nachhaltigen Wohlstand, den Alexander Langer, unter anderem in seinem bekannten Vortrag bei den Toblacher Gesprächen 1994, als Alternative zum falschen Fortschritt aufzeigt, welcher auf Grundlage von Ausbeutung und unbeschränktem Wachstum geschieht. Beide lehnen die extraktivistische Logik ab und setzen auf eine ökologische Wende, die sozial wünschbar erscheint und auf lokalem Dialog und globaler Verantwortung basiert. 

Kamate erkennt wie Langer, dass die ökologische Krise und bewaffnete Konflikte zwei Seiten derselben Medaille sind: Sein Kampf gegen die Ausbeutung der Ressourcen und für die wirtschaftliche Entkolonialisierung entspricht Langers Aufruf, den „falschen Reichtum” zu überwinden und von unten eine Zivilisation aufzubauen, die auf dem Grundsatz „lentius, profundius, suavius” – langsamer, tiefer, sanfter – basiert, in der Frieden, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit gemeinsam verwirklicht werden. 

In einer Zeit, in der ökologische Krisen und bewaffnete Konflikte einander verschränken, erinnert Kamates Engagement daran, dass Hoffnung und Wandel von unten entstehen – durch Dialog, Bildung und die Kraft der Gewaltfreiheit. 

Mit der Verleihung des Internationalen Alexander Langer Preises 2026 an François Kamate würdigt die Stiftung eine Stimme, die den Zusammenhang von Klimagerechtigkeit, Entkolonialisierung, transnationaler Kooperation und Frieden sichtbar macht – und damit eines der dringendsten Themen unserer Zeit verkörpert. 

 

[1]https://gsphub.eu/country-info/Democratic%20Republic%20of%20Congo#:~:text=Resourc e%20Wealth,and%20considerable%20amounts%20of%20cobalt

[2]https://opportunity.org/our-impact/where-we-work/the-democratic-republic-of-congo-facts-a bout-poverty

[3]https://docs.un.org/en/S/2019/842

[4]https://ipisresearch.be/publication/armed-conflict-insecurity-and-mining-in-eastern-drc-reflections-on-the-nexus-between-natural-resources-and-armed-conflict/

[5]https://ourworldindata.org/countries-critical-minerals-needed-energy-transition

[6]https://globalwitness.org/en/campaigns/transition-minerals/the-itsci-laundromat/#mineral-tr afficking-and-outbursts-violence-rubaya

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