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14 dicembre 2025

Briefe aus Italien

Dal 1984 al 1995, anno della sua morte, Alex Langer scrisse mensilmente sulla rivista della sinistra tedesca con sede a Francoforte orientata all'ecologismo, una rubrica dal titolo appunto "Lettere dall'Italia". E' un modo alternativo ed avvincente per rileggere un decennio della storia italiana. Ecco l'articolo del dicembre 1988 incentrato sull'omicidio di Mauro Rostagno, avvenuto un paio di mesi prima.

 

Un’antologia di questi testi è stata tradotta in italiano da Clemente Manenti e pubblicata nel 2005 nella collana i libri di Diario con il titolo “Lettere dall’Italia”.

 

Testo proposto da Sandro Slomp

 

Briefe aus Italien
                            
Vor fünf Monaten wurden Adriano Sofri, Ovidio Bompressi und Giorgio Pietrostefani - lauter ehemalige Angehörige der linksradikalen und eher spontaneistischen "Lotta Continua" - verhaftet, weil ihnen aufgrund des (möglicherweise präparierten) Geständnisses eines Kronzeugen vorgeworfen wurde, den Polizeikommissar Luigi Calabresi 1972 in Mailand getötet zu haben (siehe dazu meinen "Brief aus Italien" in der September-Kommune). Trotz der Unschuldsbeteuerungen der Angeklagten erschien der Vorwurf nicht von vorneherein von der Hand zu weisen, und so tobte zwei Monate lang die Diskussion um das verhängnisvolle Erbe der 1968er Zeit: kann sich die Linke aus ihrer Verantwortung davonschleichen? macht es einen so großen Unterschied, ob man selbst den Finger am Drücker hatte (bzw. jemanden mit dieser Drecksarbeit betraute) oder nur allgemein proletarische Justiz gegen die Folterknechte des Imperialismus in Sprechchören oder Zeitungsartikeln herbeiwünschte? und wer heute vielleicht ein geachtetes Mitglied der intellektuellen Gesellschaft ist - wie hielt er's damals mit der Gewalt, in Gedanken, Worten und Werken?
Inzwischen sind Sofri und seine Mitgefangenen seit Mitte Oktober wieder auf (relativ) freiem Fuß und warten auf den Prozeß, der in weiter Ferne zu liegen scheint. Die Justizorgane, die sich in den ersten Wochen sehr eifrig und siegesgewiß gaben, sind stiller geworden, in den Medien ist der Fall vergessen. Die Demontage einer (politischen) Generation aber wirkt noch nach, und deshalb sei dieser Brief einem anderen Vertreter derselben politischen Kultur und Erfahrung gewidmet, der nicht mehr am Leben ist.
Mauro Rostagno wurde nämlich am 26.September 1988 von unbekannten Mafia-Mördern mit dem klassischen sizilianischen Gewehr mit gestutztem Lauf erschossen. In Trapani (Westsizilien), an der Einfahrt zum Gelände der Kommune "Saman", wo Drogen- und Alkoholabhängige an sich arbeiten und freizuwerden versuchen. Rostagno kehrte gerade, wie jeden Abend, von einer Direktübertragung bei einer lokalen privaten Fernsehstation nach Hause, wo er seit Monaten eine polemische aktuelle Sendung gestaltete, in der er Nachrichten aus Sizilien und dem Rest der Welt brachte und kommentierte - oft mit harten Worten gegen Mafia und Drogenschieber, gegen lokale Potentaten und unzuverlässige Staatsorgane.
Mauro Rostagno war gleichzeitig ein typischer und absolut einmaliger Vertreter der 1968er Generation. Selten gibt es so überschäumende, wahrhaftige und spontane Persönlichkeiten. Seine Biographie verdient es, kurz erzählt zu werden. Und obwohl die Medien zuerst versucht hatten, auch die Ermordung Rostagnos ins Zerrbild ihrer Kampagne gegen "die 68er" zu pressen (Rostagno war ebenfalls der Mittäterschaft am Calabresi-Mord bezichtigt worden), hatte schon sein Begräbnis mit massenhaftem Volksauflauf das Blatt in der Öffentlichkeit gewendet. Sosehr, daß heute das extrem periphere Trapani auf Sizilien und das katholische Trient im Norden stolz sind, Rostagno als ihren (zeitweiligen) Mitbürger betrachten zu können. 

Rostagno waren nicht erst 1968 die Augen aufgegangen. Er stammte aus einer kommunistischen Arbeiterfamilie Norditaliens und hatte sich schon sehr jung der linkssozialistischen PSIUP-Partei angeschlossen. Vom Sozialisten Panzieri hatte er gelernt, die Arbeiter in Fleisch und Blut und ihre letztlich unbezwingbare Klassenautonomie gegenüber den Erfordernissen des Kapitals zum festen Anhaltspunkt für sein Leben zu wählen. So war er auch schon sehr jung zum Automobil-Arbeiter geworden (Autobianchi in Mailand), aber auch zum Studenten, da ihn die damalige Bewegung faszinierte und bald schon in eine Hochburg der Studentenbewegung zog - nach Trient, an die neugegründete Soziologie mit ihrer "negativen Universität" und ihren Kontakten nach Westberlin. Für jemanden wie Rostagno, für den die Einheit zwischen Studenten und Arbeitern (bei Tag und bei Nacht) und die Spontaneität der Bewegung und ihrer natürlichen "Avantgarden" einfach selbstverständlich war, wurde ebenso selbstverständlich die Gruppe "lotta continua" zur politischen Heimat. Die Phantasie, der Sprachgebrauch, der Überschwang, die jeden Tag neu erlebte Rebellion machten Rostagno schlechthin mit "lotta continua" identisch: vor allem junge Arbeiter, Schüler, Frauen erlebten in Mauro den Inbegriff dessen, was "lotta continua" war. Nicht Mission zur Befreiung des Proletariats, sondern Erlebnis der eigenen Befreiung und Überzeugung, daß es mit den Proletariern einfach viel schöner und lebendiger zugehe als mit den meisten verbildeten und verfeinerten Intellektuellen.
 Auch Rostagno machte den Weg zur strafferen Organisation und Politisierung irgendwie mit, und ging nach Sizilien, weil es undenkbar schien, dort nicht eine Hochburg der sozialrevolutionären Bewegung zu sehen, die es nur aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken galt. Was ja auch weitgehend gelang: seit die Jugend von Palermo zwei Tage lang die Stadt in Schach hielt, um keine Fahrpreiserhöhung der Busse zuzulassen, traute sich jahrelang keine Behörde in ganz Mittel- und Süditalien mehr (Rom inbegriffen), den Fahrpreis auf mehr als 50 Lire zu steigern, und seit sich die Bewohner von Elendsvierteln zusammentaten und gemeinsam mit Mauro Rostagno und seinen Freunden die Kathedrale von Palermo besetzten, mußte die korrupte Stadtverwaltung bei der Vergabe von Sozialwohnungen an Obdachlose und Zwangsdelogierte ein Minimum an Gerechtigkeit walten lassen.
 Zu einer Zeit, als die "revolutionäre Linke" den Weg zur Organisierung der revolutionären Klasse(n) zur Durchsetzung revolutionärer Ziele suchte, machte Rostagno seinen Genossen klar, daß das "Zentralkomitee" wie ein Irrlicht bald in den Arbeitern der Werft von Palermo und bald in den Jasminblütensammlerinnen aus der Gegend um Comiso zu suchen sei, und deswegen niemals in einer Partei oder Organisation festgemacht werden könne.
 Im Jahre 1976 erlebte auch Mauro die Wahlniederlage der linksrevolutionären Liste, die es auf bloß 2 % brachte, und die nachfolgende Selbstauflösung von "lotta continua" wie ein schlimmes Erwachen: man war doch irgendwie an den Massen vorbeigerutscht. So eröffnete er in Mailand das Lokal "Macondo": für das "andere Leben", nicht mehr für die "andere Politik". Und nach dem Abstieg "Macondos" zog es ihn gar nach Indien, zum Bhagwan, wo Rostagno zum "Sanatan" wurde - von der verbliebenen (resignierten oder weiterkämpfenden, aber jedenfalls vernunftorientierten) Linken in der Heimat bemitleidet und belächelt. Nach seiner Rückkehr dann sein Einstieg in das Kommune- und Therapieprojekt "Saman" bei Trapani: keine Zwangsentwöhnung für Süchtige, sondern eine Möglichkeit, im Leben wieder einen Sinn zu finden. "Nicht, um Menschen zu retten, sondern weil es mir gefällt", tat Mauro das, zusammen mit seiner Frau Chicca und anderen Gesinnungsgenossen. Und sosehr er mit der Politik gebrochen hatte, mußte er sich von ihr immer wieder einholen lassen: die überall wuchernde Mafia (die ja gerade im Drogengeschäft stark ist) und die Ermittlungsbehörden im Fall Calabresi hatten ihn dazu gezwungen, und der stets weißgekleidete und immer noch recht indisch anmutende Rostagno sah sich unerwartet wieder im Rampenlicht der sonst seit Jahren gescheuten Öffentlichkeit. So wahrnehmbar, daß auch die Mörder auf ihn aufmerksam wurden.
 "Ich war immer konsequent - nicht mit meinen Ideen, zum Glück, sondern mit meinem Leben. Deswegen lebe ich gerne", hatte Mauro im Februar bei der 20-Jahr-Feier der 1968er Bewegung in Trient gesagt. Seine Ermordung hat paradoxerweise diese Bewegung und auch seine damaligen Ideen sozusagen rehabilitiert.

Kommune  9-12-1988
Alexander Langer

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