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Dietmar Larcher: Iran, Fern von Europa?

1.6.2009, FF - S├╝dtiroler Wochenmagazin 2.01.2003

Wie sich islamischer und Tiroler Fundamentalismus zu ähneln beginnen, wenn man sie aus der Nähe betrachtet. Bilanz der Gastprofessur eines Tiroler Ehepaares im Iran.

Seit Anfang Oktober sind wir nun schon dort, wo George W. Bush die Achse des Bösen vermutet. Was heißt “vermutet"? Wo er weiß, dass jenes Böse wohnt, das es durch einen Kreuzzug der Guten zu besiegen gilt. Nein, wir sind nicht im Irak, auch nicht in Nordkorea, sondern in einem Land, das im Laufe seiner Geschichte immer engste Kontakte zu Europa gehabt hat, dem Europa unendlich viel von seinem kulturellen Reichtum verdankt: Wir sind im Iran. Meine Frau und ich haben im Wintersemester 2002/03 eine Gastprofessur an einer Teheraner Universität angenommen. Nicht des Geldes wegen, denn zu verdienen gibt es hier sehr wenig, nicht einmal ein Zehntel dessen, was man an einer österreichischen Uni für die gleiche Arbeit bekäme. Warum dann? Neugier, Abenteuerlust, Freude am Erlebnis des Fremdseins, das waren die Triebfedern, Wissen wollen, wie es dort aussieht, wo die Strategen und Handlanger des amerikanischen Öl-Business das Böse sehen wollen. In der Achse des Guten, in den USA, hatten wir schon früher ein Jahr lang als Gastprofessoren gearbeitet, nun galt es, das Reich der Finsternis kennen zu lernen.

Doch im Folgenden geht es mir nicht um einen Vergleich zwischen den USA und dem Iran, gesehen mit den Augen des ver- bzw. entwurzelten Tirolers. Ein solches Konzept würde mich nur dazu verleiten, die von der hegemonialen Macht vorgegebenen Polarisierungen in ihr Gegenteil zu verkehren. Damit würde ich aber meinen sehr viel differenzierteren Erfahrungen nicht gerecht. Ich kenne die USA zu gut, habe dort zu viele positive Erfahrungen gemacht, um einem Antiamerikanismus das Wort zu reden. Und es brächte auch keinerlei neuen Denkanstoß, würde ich hier dem Herrn George W. jr. ans Bein pinkeln.

 

Die zarte Tiroler Empfindsamkeit als Interpretationshilfe. Was also dann? Ich will mich als Ethno-Psychoanalytiker versuchen. Das heißt, ich deute alle meine Erlebnisse auf dem Hintergrund meiner Tiroler kulturellen Prägung. Da ich ständig alles, was wir erlebten, mit meiner Südtiroler Frau diskutierte, fließt in diese Deutungen genauso viel Südtiroler Alltagskultur ein. Kurz gesagt: Im Folgenden gibt es keine objektive Analyse eines neutralen Wissenschaftlers zu lesen, sondern einen Vergleich zwischen dem Iran und Tirol, insbesondere Südtirol. Und dieser Vergleich wird sehr subjektiv ausfallen, ganz stark gefärbt von den Wahrnehmungen zweier “Gesamttiroler", die bereits so alt sind, dass sie von “Menschen" zu “Zeitzeugen" mutiert sind.

An der Oberfläche drängen sich die Vergleiche geradezu auf: Die wilden Felsberge, die sich aus der brettlebenen Wüste plötzlich fast senkrecht auf viertausend Meter und höher erheben, so wild, so hoch, dass man erschrickt, wenn sie aus dem Nebel auftauchen; die steilen Felsenklüfte des Elburs, durch die sich die Straße zum Kaspischen Meer hinunterwindet. Manchmal glaubt man sich in die Dolomiten versetzt, manchmal glaubt man tatsächlich den Schlern zu sehen, den Breitkofel oder die Serles oder den Pflerscher Tribulaun. Nur der allerhöchste dieser Bergriesen, der Damavand mit seinen 5.670 Metern, sieht sanft aus wie der Patscherkofel. Oder die Plose.

Das kleine Dorf auf dem Hochplateau über dem Kaspischen Meer mit seiner Streusiedlung, mit dem weidenden Vieh auf den Wiesen und den Hühnern und Gänsen auf der Straße lässt die Tiroler Dörfer unserer Kindheit wieder erstehen. Sogar der Geruch nach Heu, Stroh und Kuhmist ist gleich wie damals. Die Kräutergärten vor den Häusern, die Blumen vor den Fenstern, die Holzkonstruktionen der Bauernhäuser, die tratschenden Frauen auf der Straße - wir fühlen uns zurückversetzt in die Vierziger-, frühen Fünfzigerjahre. Es ist wie eine Zeitreise in eine Vergangenheit, die wir (wohl zu Unrecht) als idyllisch in Erinnerung haben. Nur die kleine Moschee mit dem Doppelminarett, typisch für den schiitischen Islam, erinnert uns, dass das Hier und Jetzt nicht identisch ist mit dem Dort und Dann.

Der Straßenverkehr auf allen größeren Durchzugsstraßen und in den Städten ist wild und chaotisch wie auf der Pustertaler Straße. Irrwitzige Überholmanöver in unübersichtlichen Kurven, ständiges Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit, rasendes Aneinandervorbeifahren mit weniger als 10 cm Abstand ist selbstverständlich. Schreckliche Unfälle (vor ein paar Tagen sahen wir einen auf dem Dach liegenden Fernlastwagen, auf ein Drittel seiner ursprünglichen Höhe zusammengequetscht, neben der Straße liegen) gehören wie ein Naturschicksal zu diesem Fahrstil. Die Verkehrsschilder, die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Überholverbote und die doppelten Sperrlinien werden als Ornamente zur Verzierung der eintönigen Straße verstanden. Wo 40 draufsteht, wird 80 gefahren, wo strengstes Überholverbot gilt, wird links und rechts gleichzeitig überholt, am liebsten dann, wenn die Straße gerade durch einen Tunnel verläuft. Der einzige Unterschied zum Pustertaler Straßenverkehr, dem ich mich drei Jahrzehnte lang aussetzen musste, sind die Motorradfahrer. Sie sind zwar genauso vom Todestrieb besessen wie jene, die das Pustertal durchrasen. Aber im Unterschied zu ihnen pflegen iranische Anhänger des Motorrad-Suizides nicht nur einen, sondern mindestens zwei Soziusfahrer hinten draufzuladen. Gelegentlich sieht man auch Familienväter, die vor sich auf dem Tank das jüngste Kind sitzen haben, hinter sich die Gattin mit flatterndem Tschador und zwischendrin ein weiteres Kind. Da sie zudem in den Städten auch gegen die Einbahn fahren dürfen, ist dem Erfolg des Suizid-Bemühens eigentlich Tür und Tor geöffnet. Hoffentlich spricht sich diese Technik der motorisierten Familienausrottung nicht bis ins Pustertal durch, denn dort ist die Staatsstraße viel enger als die meisten Verkehrswege im Iran. Es wäre bevölkerungspolitisch nicht vertretbar, weil sich die Zahl der Einwohner dieses Tales sehr rasch auf einen Bruchteil des heutigen Standes reduzieren würde. Da seit den Fünfzigerjahren die Geburtenrate stark rückläufig ist, würde sich das fatal auswirken. Im Iran jedoch, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 20 ist, lassen sich solche Lücken rasch schließen.

 

Im Nonnenkloster gelandet. Wie gesagt, an der Oberfläche springen einem gar nicht wenige Ähnlichkeiten ins Auge. Geht man ein wenig tiefer, wird's schwieriger. Mehrmals haben wir entdeckt, dass wir auf ganz bestimmte Erlebnisse mit Abwehr reagieren, weil wir die Nähe und die Ähnlichkeit nicht wahrhaben wollten. Wir wollten sie als das ganz Fremde, das ganz andere in unsere Erfahrung einordnen. Beim genauen Hinsehen jedoch stellte sich nicht selten heraus, dass das Allerfremdeste das Allereigenste ist, wenn auch in verfremdeter Gestalt.

Das begann bereits bei unserer Ankunft am Flughafen Teheran. Kaum hatten wir das Gebäude betreten, sahen wir eine Unzahl schwarzer Nonnen. Ein erster großer Schreck. Nein, wir waren nicht in einem strengen Kloster gelandet, sondern in der 15-Millionen-Stadt Teheran, und zwar im Jahr 2002. Alle Frauen sehen aus wie schwarze Schleiereulen. Natürlich hatten wir das alles schon vorher gewusst, aber eben nur im Kopf, doch jetzt waren wir mittendrin, erlebten es, weil wir es mit eigenen Augen sahen. O Gott, o Graus! Und das war kein Maskenball, selbst wenn es für uns so aussah. Das Allerschlimmste daran: Jetzt sollte dieses Schleiereulengebot auch für meine Frau gelten. Sofort drückte uns ein Uniformierter ein Prospekt in die Hand, in dem zu lesen stand, wie man sich als Fremder im Gottesstaat Iran zu kleiden und zu benehmen habe. Zuwiderhandelnde würden bestraft, Rufezeichen. Um Gottes willen, warum haben wir uns das angetan, freiwillig noch dazu?

Noch intensiver war dieser Eindruck bei unserem ersten Besuch an der Uni. Die Universität selbst liegt in einem riesigen eingezäunten Park. Schah Reza Pahlevi hatte sie - als haargenaue Kopie einer US-amerikanischen Campus-Universität - in den Sechzigerjahren anlegen lassen. Wir glaubten uns zunächst zurückversetzt nach Florida, wo wir einst an einer Uni mit nahezu identischem architektonischem Design gelehrt hatten. Doch schon am Eingang gab es Ärger. Ein uniformierter Tugendwächter stoppte meine Frau und holte sie ins Wächterhäuschen. Mit ihrem lose gebundenen Kopftuch und den nicht vollständig bedeckten Haaren, mit dem schwarzen Pullover, der nur wenig über die Hüften reichte, war sie zu lasziv gekleidet. Es gab Verhandlungen mit einem zweiten Wächter. Der jedoch schien ein “abgebrühter Sittenstrolch" gewesen zu sein, denn er bedeutete Ersterem, dass sie - trotz ihrer unmoralischen Bekleidung - das Unigelände betreten dürfe. Kaum waren wir drinnen, sahen wir von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllte Gestalten sonder Zahl, die über das Gelände huschten oder in Gruppen zusammenstanden, alle noch schwärzer und noch verhüllter als die Schleiereulen am Flughafen.

Wir stellten uns beim Vorstand unseres Instituts vor. Siehe da, nicht ein Mann, sondern eine schwarze Nonne empfing uns lächelnd. Ich gab ihr die Hand, doch sie zuckte zurück und sagte bedauernd, dass dies leider unmöglich sei. Männer und Frauen dürften sich nicht berühren... Meine Frau schnappte sich, ohne an diese Grundregel des Berührungsverbotes von Mann und Frau zu denken, bei einem offiziellen Anlass ausgerechnet die Hand des Dekans, um sie kräftig zu schütteln. Mir schwante Schlimmes, sprang sie doch eben beidbeinig vor Zeugen in das größte nur denkbare Fettnäpfchen. Doch die Umstehenden, Dekan inklusive, lachten herzlich und trösteten meine Frau, die natürlich sehr rasch bemerkt hatte, welchen Tabubruch sie eben verschuldet hatte: Es sei ja eigentlich überhaupt nicht schlimm, sagten sie.

So viel zu unseren ersten Kulturschocks beim Zusammenstoß mit dem Fremden.

Das Fremde und das Eigene - Über Gespenster. Alles begann ganz anders auszusehen, nachdem wir einige Wochen mit den Menschen hier zusammengelebt hatten. Zunächst bemerkten wir, dass es eine Art “heimlichen Lehrplan" gab. Mit anderen Worten: Es gab zwar die offizielle und öffentlich zur Schau gestellte Moral des Gottesstaates, aber hinter den Kulissen lief alles anders. Um bei der Theatermetapher zu bleiben: Auf der Vorderbühne spielt man Nonnenkloster, auf der Hinterbühne geht es zu wie im ganz wirklichen Leben bei uns auch. Die Frauen kleiden sich und verhalten sich genauso wie bei uns, auch Männern gegenüber. Bussi links und Bussi rechts, dann das Ganze noch einmal, T-Shirts und Blue Jeans, am Abend Partys. Geflirtet wird nach allen Regeln der Kunst. Ob es auf dem Land genauso ist, ob es in der Schicht der Armen und Deklassierten so ist, wissen wir nicht.

 

Erst mit der Zeit entdeckten wir, dass sich dieses Hinterbühnenleben auch langsam auf die Vorderbühne wagt. Nur ganz brave und fromme Frauen verhüllen ihr Haar vollständig. Die meisten schieben ihre Kopfbedeckung ziemlich weit zurück, manche gar bis auf den Hinterkopf, so dass vorne, seitlich und hinten Haare herausschauen. Den langen schwarzen Mantel, der die weiblichen Formen verhüllen soll, ersetzen raffinierte Frauen durch kesse, taillengeschneiderte Mäntelchen in Modefarben. Dass sie sich auch schminken, trotz des Verbotes, passiert immer häufiger. Manche riskieren sogar, barfuß in Sandalen daherzulaufen - mit lackierten Zehennägeln.

 

O tempora, o mores! Vor ein paar Jahren noch wurde eine über siebzigjährige europäische Kollegin fristlos von der Uni entlassen, erzählte man uns, weil sie in der Bibliothek beim Erklettern einer Bücherleiter ihre - selbstverständlich strumpfbedeckten - Knöchel hatte sehen lassen. Alles löse sich auf, sagte man uns. Wenn wir die strenge Ordnung der Mullahs in den Jahren unmittelbar nach der Revolution gesehen hätten, würden wir es nicht fassen, wie liberal alles geworden sei.

 

Wir entdecken tatsächlich, dass sich unverheiratete Pärchen öffentlich berühren, Hand in Hand durch einen Park spazieren. Sie küssen sich aber nicht. Sowas passiert nur auf dem erotischen Übungsgelände des Hochgebirges. Bergsteigen heißt im Iran auch, der strengen Kontrolle der Tugendwächter zu entkommen. Auf dem Berg singen die Linken ihre politischen Lieder, auf dem Berg lernen die Burschen und Mädchen die Zärtlichkeit. Wie auch wir Tiroler wissen: “Auf der Alm, do gibts koa Sint, weil koa Pfarrer aufi kimmt."

 

Zu des Pudels Kern gelangten wir jedoch erst, als wir uns - provoziert durch all diese Erlebnisse - mit unseren Erinnerungen an die Tiroler Kindheit auseinander setzten. Da wurde uns etwas klarer, warum wir anfangs so erschraken, als wir diese verhüllten Frauen sahen.

 

Wir entsannen uns der unzähligen Verhüllungsgebote, mit denen Frauen aus der Generation unserer Mütter und Großmütter lebten. Das Kopftuch war nur eine von vielen Selbstverständlichkeiten für Frauen auf dem Land. Der Zwang zum Tragen langer Röcke, das Verdikt über kurz geschnittene Haare, die üble Nachrede, wenn eine Frau einen “Bubikopf" mit kurzen Haaren trug, gar Hosen anzog und sich schminkte, das strikte Verbot für Burschen, Jeans zu tragen (Zuwiderhandelnde konnten mit Schulverweis bestraft werden) oder, noch schlimmer, die Haare lang wachsen zu lassen, die Geschlechtertrennung allüberall, in der Kirche, in der Schule, sogar im Schwimmbad.

 

All diese zwänglerischen Regelungen des Alltagslebens kamen uns wieder in den Sinn, all die sinnlosen Ge- und Verbote, Relikte mittelalterlicher Bekleidungsvorschriften, die sowohl in Süd- wie in Nordtirol noch lange nach dem Krieg durch strikte soziale Kontrolle, durch gegenseitige Beobachtung, Klatsch, Diffamierung, aber auch institutionelle Sanktionen aufrechterhalten wurden. Erst die Studentenrevolte hat bei uns mit dieser Zwänglerei aufgeräumt. Hier im Iran begegnet uns die verdrängte Seite unserer Kindheit wieder - in Gestalt der Verschleierten. Wohl deshalb unser Erschrecken.

 

Vielleicht wurde hier eine dunkle Angst angerührt, es könnte alles vergebens gewesen sein, was sich da bei uns an kleinen Freiheiten entwickeln konnte. Die schwarzen Frauen als Gespenster der Vergangenheit, die nicht vergehen will? Unserer eigenen Tiroler Vergangenheit?

 

Je besser wir trennen... Beim distanzierten Nachdenken über die Erfahrungen hier und dort, im Iran und in Südtirol, drängt sich ein Vergleich der iranischen Identitätspolitik mit Aspekten der Südtiroler Identitätspolitik geradezu auf. Ich gehe bei diesem Vergleich davon aus, dass die europäische Entwicklung im letzten Jahrtausend durch drei “Megaphilosophien" oder, anders ausgedrückt, durch drei hegemoniale Kulturen oder kulturelle Paradigmen geprägt wurde, die alles, von der Politik bis zum Alltagsleben, von der Wirtschaft bis zur Sozialvorsorge, vom Gelehrtengespräch bis zum “gesunden" Hausverstand der kleinen Leute, in ein einheitliches Konzept fügten, das von ihren Weltdeutungen und Wirklichkeitskonstruktionen völlig geformt war. In Europa war dies zunächst, bis zum Ende des Mittelalters, die Theologie, deren politisches Konstrukt das Heilige Römische Reich war, ab der Renaissance die Philosophie, insbesondere die Philosophie der Aufklärung, die sich politisch im Konzept des Nationalstaates manifestierte. Derzeit erfolgt die Ablöse dieser “Megaphilosophie" durch eine neue: die Ökonomie und ihr Konzept der nationalstaatlichen Deregulierung und des “schlanken" Staates. So wie einst die Theologie, später die Aufklärung alles dominierte: Denken, Fühlen, Hoffen, Fürchten, Handeln, öffentliches und privates Leben, Rechtswesen, Architektur und Politik; so ist es heute die Logik der Ökonomie, die als globalisierte, neoliberale Wirtschaft unser gesamtes Leben radikal umgestaltet und allem Leben ihre Gesetze aufzwingt.

 

Allem? Dagegen wehren sich die iranischen Mullahs seit ihrer großen Revolution. Diese Revolution richtete sich gegen den Schah und gegen die USA, als deren Agent der Schah wahrgenommen wurde. Das Ziel der Revolution war es, dem Iran seine islamische Identität wiederzugeben, welche durch die Assimilationspolitik des Schah verloren gegangen war. Durch religiös-kulturelle Maßnahmen sollte die große Trennung vom Westen erreicht werden. Zugleich jedoch sollten die Errungenschaften der allerneuesten Technik und Wirtschaft durchaus übernommen werden. Der Iran sollte - so das politische Ziel der Mullahs - alle drei großen Megaphilosophien gleichzeitig realisieren: Das Alltagsleben sollte von der Theologie bestimmt werden, die Außenpolitik vom aufklärerischen Konzept der Nation, Technik und Wirtschaft jedoch von der postmodernen Megaphilosophie der Ökonomie. Sie sollte der einzige Teilbereich sein, den der Iran vom Westen übernimmt. Trennung vom Westen im Identitätsbereich, Gemeinsamkeit im Bereich des zweckrationalen Handelns.

 

Wie vertraut ist das Konzept doch dem gelernten Südtiroler! Davon leben ja auch die Tiroler Mullahs, dass sie “ihrer" Bevölkerung getrennte Identität und gemeinsames Wirtschaften verordnen. Während im Iran die Trennung religiös begründet wird, wird sie in Südtirol ethnisch und sprachlich legitimiert. Während im Iran Tugendwächter die Einhaltung der identitätsstützenden Vorschriften überwachen, tun das in Südtirol die Hilfstruppen der Identitätspolitiker, die Schützen. Während im Iran die Strafe für den Verstoß gegen das Identitätsgebot auf den Körper zielt, zielt sie in Südtirol auf die Karriere. Wer sich nicht deklariert, der riskiert sein berufliches Fortkommen.

 

Dass solche Experimente mit vormoderner Identitätspolitik bei gleichzeitiger postmoderner Wirtschaftspolitik problematisch für die Betroffenen sind, habe ich hier wie dort erfahren. Mir scheinen sie hüben wie drüben Freiheit und Glück der Menschen einzuschränken, weil sie von oben her verordnen wollen, was sich nur von unten entwickeln kann: nämlich die Bestimmung dessen, wer wir sind, was wir wollen, woran wir glauben, wohin wir gehen. Ob es in einer postmodernen Gesellschaft dafür überhaupt noch kollektive Antworten geben kann, wage ich zu bezweifeln.

 

Dietmar Larcher ist Professor an der Universität Klagenfurt und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Institutes für interkulturelle Forschung; zu seinen Forschungsobjekten gehört, ähnlich wie die Kärntner Slowenenproblematik, vorzugsweise auch Südtirol.

 

 

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