15 dicembre 2025
Auf dem rechten Auge blind
Die Selbstwahrnehmung der Tiroler - wie aller anderen Völker auch - stellt sich gerne etwas verklärt oder überhöht dar. So empfinden wir uns gerne als die älteste Demokratie (oder zumindest eine der ältesten) Europas oder gar der Welt, wo auch die Bauern etwas zu sagen hatten.
Man ist stolz auf die fast 600jährige Treue zum Hause Habsburg (an uns lag's ja gewiß nicht, daß es damit zu Ende ging). Stolz sind wir auch auf unser starkes, ausgeprägtes Landesbewußtsein - Regionalismus oder Autonomismus würde man es heute vielleicht nennen - das durchaus auch Kraftproben mit Wien (ganz zu schweigen von Rom oder Brüssel) wagen kann. Wir betrachten gewöhnlich das bäuerliche Erbe unseres Landes - gewiß, gemeinsam mit seinem Adel und seinen Bürgern, aber doch eine Note stärker - als eine Art Wesensprägung Tirols. Wir wissen uns fest verankert in der "christ-katholischen" Tradition, besiegelt nicht zuletzt durch Schwüre und Feiern, die uns im Heiligsten Herzen Jesu und in der Hohen Frau von Tirol unsere sichersten Bündnispartner ins Gedächtnis rufen und räumen deshalb für gewöhnlich der katholischen Kirche und ihren Würdenträgern auch eine ganz besondere Ehren- und Machtstellung in der Gesellschaft gerne ein. Tiroler sind es allerdings auch sonst gewohnt, Obrigkeiten ehrerbietig und gehorsam zu begegnen. Man schämt sich nicht, Neuerungen gegenüber insgesamt eher mißtrauisch zu sein und eine konservative Grundhaltung gewissermaßen zum Volkscharakter erhoben zu haben.
All dies verbrämen wir dann gerne mit Freiheitssinn und Freiheitsliebe, als seien diese Urtiroler Tugenden, für die wir uns allemal bereit erklären, auch kämpferisch einzutreten.
Diese "Tiroler Ideologie" (wie ich sie in Anlehnung an den Begriff der "Deutschen Ideologie" nennen möchte) ist keine Karikatur, und schon gar keine mißgünstige, sondern eher eine grobe Skizze des gemeinschaftlichen Tiroler Selbstbewußtseins, wie es sich insbesondere seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hat.
Warum gerade seit dem 16.Jahrhundert? Weil die Herausbildung dieses geistig-kulturell-ideologischen Corpus' im Wesentlichen nach und dank der Niederwerfung der reformatorischen Tiroler Bauernrevolution und der erfolgreichen Durchsetzung der habsburgisch-katholischen Gegenreformation möglich wurde und sich festigen konnte.
In der so beschriebenen Geisteshaltung möchte ich den Begriff der Fremdkörperabwehr ansiedeln, um den sich diese Überlegung rankt. Zu Fremdkörpern wurden Ideen, Bestrebungen und Bewegungen, die nicht in dieses Bild paßten, sondern eher die so geordnete und tradierte Welt störten und deshalb in der Tiroler Geschichte unter eine außerordentlich wachsame und wirksame Fremdkörperabwehr fielen.
https://www.alexanderlanger.org/de/pubblicazioni-e-risorse/auf-dem-rechten-auge-blind/1126/
tradotto in italiano: https://www.alexanderlanger.org/pubblicazioni-e-risorse/quando-non-si-vogliono-riconoscere-i-fenomeni-di-estrema-destra/713/
Foto: Bild aus der Ausstellung „Den Aufstand proben – Tentare una ribellione“ im Stadt- und Multschermuseum Sterzing im Rahmen des Projekts „Mitmischen! Ma come?“ anlässlich der 500 Jahre Michael Gaismair