pro dialog
Ursula Apitzsch: Laudatio für Sami Adwan und Dan Bar On
anläßlich der Bekanntgabe der Preisträger des Alexander Langer - Preises 2001 beim "Euromediterranea"Festival im Stadttheater Bozen, 8.Juli 2001

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

es ist für mich eine große Ehre und persönliche Freude, die Preisträger der Alexander Langer -Stiftung 2001 sowie die Begründung des Preiskomittees bekanntgeben zu dürfen. Bevor ich jedoch ich die "Motivation" für die Preisverleihung verlesen werde, möchte ich auf die Geschichte der gemeinsamen Arbeit von Dan und Sami eingehen, die mich mit den Preisträgern verbindet und mich dazu veranlasst hat, sie als Kandidaten für den diesjährigen Langer-Preis zu nominieren.

Anfang der 90er Jahre lernte ich Dan Bar On und durch ihn die Dialoggruppen in Beer Sheva kennen, in denen jüdische und palästinensische Studenten ihren Umgang mit der eigenen Geschichte, vor allem aber mit den Traumata der Geschichte der "Anderen" durchzuarbeiten versuchen. Dan Bar On konnte zunächst an seiner Universität nur mit jenen palästinensischen Studenten arbeiten, die israelische Staatsbürger waren. Wie jedoch sahen die nichtisraelischen Palästinenser die Geschichte Israels? Konnten sie die Traumata der Israelis, vor allem das Trauma des Holocaust, überhaupt wahrnehmen? Und umgekehrt: Konnten die Israelis die Traumata, der Palästinenser seit 1948, seit "EI Nakba" -wie die Palästinenser es nennen- anerkennen? In diese Überlegungen hinein fielen die Osloer Friedensabkommen. Dan Bar On hatte sofort versucht, Kontakte zu Universitäten und NG0s im Autonomiegebiet aufzunehmen. Er fand zunächst Gesprächspartner beim"Child and Family Health Care Center" in Ost- Jerusalem und versuchte, mit der Universität EI Kuds Verbindungen zu knüpfen. Kurz nach der ersten Intifada lehnten die palästinensischen Universitäten jedoch direkte bilaterale Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten noch ab. Es kam schließlich zu einer trilateralen Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Bethlehem, Frankfurt/Main und Beer Sheva, in deren Verlauf Dan Bar On und Sami Adwan einander kennenlernten. 1998 besuchte eine Frankfurter Studentengruppe Beer Sheva und Bethlehem. Thematisiert wurden dort nicht nur die Dialoggruppen in Israel, sondern auch die Situation der 2.Generation von Migranten in Deutschland. Unsere Frankfurter Arbeit mit Migrantenbiographien hatte deutlich gezeigt, daß eine Auseinandersetzung mit dem Thema der "Zugehörigkeit" in Deutschland bei Migrantenkindern in vielen Fällen eng verknüpft war mit der Konfrontation mit der Last der deutschen Geschichte, insbesondere der Geschichte des Holocaust. Genereller wurde in gemischten Gruppen von deutschen, israelisch-jüdischen und arabischen Studenten die Problematik aufgeworfen, ob und wie eine plurale Konzeption von Staatsbürgerschaft die Konfrontation mit der Geschichte des jeweils "Anderen" würde beinhalten müssen und leisten können. 1999 kam es zu einem Gegenbesuch einer gemischten Studentengruppe jüdischer und arabischer Studenten an der Goethe-Universität in Frankfurt .
Als das zentrale Thema der Begegnung schälte sich heraus: "Die Palästinenser sehen sich nicht nur indirekt wegen der Entscheidung der Vereinten Nationen, die jüdischen Opfer der Nazis mit einem Teil von Palästina zu entschädigen, als Opfer des Holocaust... So wie es unerläßlich ist, sich über die Bedeutung des Holocaust für die jüdischen Israelis klar zu werden, ist das Wissen um EI Nakba unerläßlich dafür, die Leiden der Palästinenser zu verstehen."
So gewiss der Oslo-Prozeß Hoffnungen geweckt hatte, so deutlich hatten jedoch einige Ereignisse unserer Besuche in Beit Jala und Bethlehem die zwiespältige Realität der in Gang gekommenen Entwicklung gezeigt. Die Gruppe von jüdischen, israelischarabischen und deutschen Studentlnnen und Wissenschaftlerinnen war im Januar 1998 dank der Vermittlung von Sami Adwan eingeladen worden, den Campus der Universität Bethlehem zu besuchen. Der israelische Busfahrer war jedoch am Rand der Altstadt von Bethlehem stehen geblieben und hatte sich zunächst geweigert, noch einen Schritt weiter zu fahren, denn er hatte die 1. Intifada noch in deutlicher Erinnerung. Der Vizepräsident der Universität Bethlehem war dann persönlich zu Fuß zu dem israelischen Bus gekommen, um ihn sicher in die Universität zu geleiten und das Fahrzeug hinter die riesigen gepanzerten Tore des Campusgeländes zu dirigieren. Dann führte er die Besucher auf das Dach der Universität, einen Standort, der einen herrlichen Rundblick auf die Hügel um Bethlehem und auch in Richtung des nahen Jerusalem bietet. Da hatten dann alle sehen können, daß von riesigen Bulldozzern die Bäume eines der nächsten Hügel gerodet wurden und daß zugleich bereits nicht minder riesige Asphaltiermaschinen im Einsatz waren für den Bau gigantischer Straßen und Brücken. Das war der Beginn der berüchtigten jüdischen Siedlung Har Homa, und es war ein unvergeßliches, augenfälliges Symbol für die Last, unter der der Friedensprozeß von Oslo von Anfang an zu ersticken drohte.

Wenn dennoch Sami Adwan und Dan Bar Ort Ende 1999 in Beit Jala bei Bethlehem das Friedensforschungsinstitut PRIME eröffnen konnten, so ist dies nicht den förderlichen Zeitumständen zu verdanken, sondern diesen Personen und ihren Freunden und Kollegen. Es ist zu verdanken dem unbedingten Willen dieser Menschen, den Konflikt der Region mit friedlichen Mitteln auszudrücken und zu bearbeiten. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit im PRIME erinnert an Überlegungen Alexander Langers über die Rolle der Mediatoren, ja, sie stellt in gewisser Weise einen imaginären Dialog mit Alexander Langer dar.

Lassen Sie mich kurz einige Worte zur Gestalt Alexander Langers sagen, den ich damit insbesondere den Preisträgern bekannt machen möchte. Alexander Langer wurde 1946 in Südtirol geboren. Mitten in einem intensiven politischen Leben, zuletzt als Abgeordneter im Europaparlament, setzte er nach vergeblichen Bemühungen um europäische Lösungen im Jugoslawien - Konflikt im Juli 1995 seinem Leben ein Ende. In seinem letzten Artikel "Europa stirbt oder wird wiedergeboren in Sarajewo" hatte er im Juni 1995 geschrieben: "Alle sogenannten Friedensverhandlungen haben in Wirklichkeit die Kriegsführer gestärkt, aufgewertet und legitimiert und haben ihre demokratischen Gegner an den Rand gedrängt. Denn nichts oder fast nichts wurde getan, um die Kräfte des Dialogs, der Reintegration, der Suche nach gemeinsamen Lösungen zu unterstützen." Für seine Freunde, die später die Langer-Stiftung ins Leben riefen, hatte er einen Abschiedsbrief hinterlassen: "Seid nicht traurig, macht weiter, was gut war" Tief geprägt waren seine Visionen des Umgangs mit Mehrheiten und Minderheiten durch die Erfahrung der eigenen Herkunft. Sein Freund Peter Kammerer schrieb darüber: "Im heimatlichen Südtirol in diesem zentralen Durchzugsgebiet ... wurden, vor allem in den letzten zweihundert Jahren, extreme Modelle des Zusammenlebens erprobt: von einer bescheidenen Vielvölkerei bis zu Plänen gnadenloser „ethnischer Flurbereinigung“, von Versuchen der Zwangsassimilierung bis zur mehr oder weniger rigid betriebenen Trennung der Volkskörper' und dem ihnen eigenen Proporz'. Am Schicksal der Südtiroler Dissidenten war abzulesen, wie gut die ethnische Zwangsjacke funktionierte. Die ethnischen Blöcke brauchten in ihrem Traum-Wahn von Sicherheit lebende Zeichen ihrer Grenzziehungen bzw. Ausgrenzungen. ... Alex machte den Vorschlag, die Dissidenten, die Brückenbauer, die Mauerspringer, die Verräter' und Häretiker zu sammeln und mit der Davidschleuder dem Giganten des Südtiroler Regimes' zu begegnen. Das bedeutet vor allem, die Definitionsmacht der herrschenden Blöcke über Zusammenhalt und Zugehörigkeit in Frage zu stellen." So heißt es in den von Alex Langer formulierten "Zehn Punkte(n) für ein Zusammenleben zwischen Volksgruppen, Konfessionen, Ethnien": "Wo immer Volksgruppen, Ethnien, Konfessionen u.dgl. auf demselben Raum zusammenleben, gibt es eine Ausgangssituation mit geringer gegenseitiger Kenntnis und Vertrautheit. Eine enorm wichtige Rolle können da Personen, Gruppen, Institutionen spielen, die sich bewußt entlang der Grenze zwischen den zusammenlebenden Gruppen bewegen und sich insbesondere der Aufgabe widmen, gegenseitiges Kennenlernen, Dialog und Zusammenarbeit zu fördern. ... Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus, religiöser Fanatismus u. dgl. gehören zu den explosivsten Sprengkräften, die das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohen...,Verräter der ethnischen Geschlossenheit' gehören zu den wichtigsten Abwehrkräften und bewahren kritische Distanz auch zur eigenen Gruppe - nur dürfen sie sich niemals in ,ethnische Überläufer' ins andere Lager verwandeln, sonst verlieren sie ihre Wurzeln und werden sofort völlig unglaubwürdig. Gerade im Konfliktfall ist es von grundlegender Wichtigkeit, die divergierenden ethnischen Anliegen zu relativieren, die ethnische Geschlossenheit und die Versuchung, Schutzmächte von außen zu mobilisieren, in Grenzen zu halten, und dafür eher die gemeinsame Bindung an den gemeinsamen Lebensraum zu unterstreichen. Dazu braucht es Menschen, die fähig sind, die ethnische Geschlossenheit als obersten Wert zu unterlaufen und zu überwinden."

Sami Adwan und Dan Bar On haben ihre Arbeit in einem solchen Geiste der Kooperation über ethnische Grenzziehungen hinweg entwickelt. Bitte lassen Sie mich nun die Begründung des Preiskomittees für die Verleihung des Alexander Langer-Preises 2001 verlesen.

"Das Komittee der Alexander Langer-Stiftung hat beschlossen, Sami Adwan und Dan Bar On gemeinsam den "Alexander Langer" - Preis zu verleihen. Sami Adwan ist Universitätsdozent an der Universität Bethlehem im palästinensischen Autonomiegebiet, Dan Bar On lehrt an der Universität von Beer Sheva in Israel. Beide leiten gemeinsam das Friedensforschungsinstitut PRIME (Peace Research Institute in the Middle East) in Beit Jala im Autonomiegebiet. Das Komittee hat sich aus den folgenden Gründen für diese Auszeichnung entschieden: Sami Adwan und Dan Bar On haben zu einem Zeitpunkt, da der Osloer Friedensprozess in eine immer größere Krise geriet, durch ihre fortwährende Zusammenarbeit und Gründung des PRIME Ende 1999 ein Zeichen dafür gesetzt, dass nur die Kooperation zwischen den Angehörigen beider Völker einen Weg aus dem gegenwärtigen Konflikt aufzeigen kann, der humanen, demokratischen und ökologischen Zielen Rechnung trägt. In ihrer konkreten Arbeit gemeinsam mit anderen palästinensischen und israelischen Frauen und Männern haben sie trotz der eskalierenden politischen Schwierigkeiten der letzten Monate unter grossem Einsatz und persönlichen Gefahren einen Weg beschritten, der demokratische und ökologische Lösungen für die umkämpfte Region weiter festhält und von den politischen Kräften einfordert. Ziele des PRIME sind es, eine intellektuelle Infrastruktur für einen möglichen Friedensprozess aufzubauen, die zur Zeit bestehenden überwältigenden Hindernisse für einen Friedensprozess langfristig abzubauen und die Öffentlichkeiten in Israel und Palästina in diesem Sinne zu beeinflussen. Insbesondere soll dabei eine neue Generation von Lehrern und Politikern herangebildet werden, die bereit sind, friedliche Koexistenz und Kooperation sowie den gemeinsamen Schutz von sozialer und natürlicher Umwelt zu gewährleisten. In diesem Sinne trägt das PRIME bereits heute mit einer Reihe laufender und geplanter Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft in Palästina wie in Israel bei.

Dan Bar On wurde in Haifa als Sohn deutscher jüdischer Immigranten geboren. Er war 25 Jahre lang Mitglied des Kibbuz Revivim, arbeitete im Bereich der Landwirtschaft und studierte gleichzeitig Sozialpsychologie. Über lange Jahre hinweg beschäftigte er sich am Beispiel der Kinder von Opfern und der Kinder von Tätern des Holocaust mit der gegenseitigen Wahrnehmung und den Folgen von Traumata. Seine Bücher zu diesem Thema wurden in viele Sprachen übersetzt. Als universitärer Lehrer an der Universität Beer Sheva entwickelte Dan Bar On bereits vor dem Beginn der Osloer Friedensgespräche Dialoggruppen zwischen israelischen und palästinensischen Studierenden auf der Basis einer Konfliktkonzeption, die das Zusammenleben in der Zivilgesellschaft als den "Ernstfall" des friedlichen Zusammenlebens betrachtete, der nicht aus der Konfliktbearbeitung ausgeklammert werden konnte. Seit dem Anfang des Osloer Friedensprozesses suchte Dan Bar On den engen Kontakt mit palästinensischen NGOs, die sich die Begleitung des Friedensprozesses zur Verbesserung der Situation der palästinensischen Bevölkerung zum Ziel gesetzt hatten.

Sami Adwan ist Mitglied einer praktizierenden muslimischen Familie aus Beit Sahur bei Bethlehem. Er studierte von 1972 bis 1976 in Amman in Jordanien, wo er im Anschluss an sein Universitätsexamen in Pädagogik als Lektor arbeitete. 1979 migrierte er mit seiner Familie nach San Francisco, wo er in der California State University den Magistergrad erwarb. Von 1982 bis 1984 arbeitete Sami Adwan als Lektor an der Universität Hebron. 1987 kehrte er nach San Francisco zurück, wo er sein PhD erwarb. Nach seiner Rückkehr in die Westbank wurde er 1991 bis 1992 ohne Prozess als palästinensischer Aktivist in israelischen Gefängnissen festgehalten. Seit 1992 ist er Dozent für Pädagogik an der Universität Bethlehem. Er hat sich dort insbesondere auf Fragen des israelisch-palästinensischen Konfliktes und auf Umwelterziehung spezialisiert. Seit dem Beginn der Osloer Friedensgespräche nahm er an zahlreichen NGOs teil, insbesondere beschäftigte er sich mit Projekten der Revision von Schulbüchern in den Autonomiegebieten.

Dan Bar On und Sami Adwan lernten sich bei der Arbeit in NGOs und bei ihrer Unterstützung des Friedensprozesses kennen. Je deutlicher sich die Schwierigkeiten dieses Friedensprozesses auf politischer Ebene abzeichneten, um so entschiedener arbeiteten beide gemeinsam an den zivilen und wissenschaftlichen Fragen für eine Zusammenarbeit von Israelis und Palästinensern. Gemeinsam forschten sie in dem empirischen Projekt "Youth and History. Historical Consciousness among Palestinian and Israeli Adolescents", einer Studie, die 1999 durch die Körber-Stiftung publiziert wurde. Seit ihrer gemeinsamen Gründung des PRIME, das ebenfalls als NGO arbeitet, verfolgten Sami Adwan und Dan Bar On vorrangig das Ziel, durch Studien und Konferenzen aufzuzeigen, wie durch den wachsenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern die gemeinsame Umwelt zunehmend zerstört wurde bzw. welche NGOs dieser Zerstörung entgegenzuarbeiteten versuchten. Auch nach der militärischen Zuspitzung des Konflikts seit der neuen Intifada arbeiteten Sami Adwan und Dan Bar kontinuierlich weiter an den Zielen des PRIME und trafen sich weiterhin ohne Unterbrechung.

Die Zuerkennung des Preises an die beiden Wissenschaftler Umwelt- und Friedensaktivisten bedeutet, die Arbeit von Personen zu prämieren, die in einer zivilen, demokratischen und ökologischen Entwicklung des Nahen Ostens die einzige Möglichkeit einer Konfliktlösung für ihre Region sehen und die bereit sind, für diese Konfliktlösung auch unter größtem Druck und persönlicher Gefährdung einzutreten."

Wir gratulieren den Preisträgern sehr herzlich und wünsche ihnen Mut für ihre weitere Arbeit!