pro dialog
An das Verein Borderline Sicilia, onlus der Internationale Alexander Langer Preis 2014 .Begründung.

 Für eine Brücke zwischen jenen die leiden,

und jenen die lernen können, den Schmerz zu teilen

„Fratellanza Euromediterranea“.

 

 

An das Verein Borderline Sicilia, onlus
der Internationale Alexander Langer Preis 2014.
Begründung.

 

Seit Jahren treffen im Süden Italiens, und besonders in Sizilien Notsituationen (und Schwerfälligkeiten) verschiedener Welten aufeinander.  Die Dramen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens, und die damit verbundenen Bevölkerungs-Bewegungen: die Menschen flüchten vor Kriegen, Diktaturen, Terrorismus, lokale Banden und sind auf der Suche nach einem neuen Leben. Das Aufnahme-System Italiens, immer noch durch die Logik des Notfall- und Ausnahmezustandes blockiert, ist aus humanitärer Sicht eine Katastrophe und im Hinblick auf die Kosten-Effizienz der Interventionen gravierend ineffizient.

 

Blind und taub erscheint das Beharren der EU,  keine Abänderung der Dublin-Regulierung vorzunehmen, welche vorschreibt, dass eine Person auf der Flucht ihren Asylantrag im ersten Mitgliedsstaat stellen muss, den sie betritt; blind und taub, erscheint auch das Zaudern der EU angesichts von Notfällen, wie der Bürgerkrieg in Syrien und der zusammenhängende Exodus von Menschen. Sie zögert sogar angemessene Prozeduren zu aktivieren, um die Anerkennung eines Schutz-Status zu ermöglichen, wie es während der Krise in Albanien, ex-Jugoslawien, Kosovo, Libyen geschehen war.

 

 

Eine notwendige und einleitende Voraussetzung für jegliche ernsthafte Intervention in diesem Bereich ist die systematische Recherche vor Ort, um die realen Umstände des Aufnahme-Prozesses in all seinen Ausformungen der öffentlichen Meinung und den Entscheidungsträgern bekannt zu machen. Hierfür ist es notwendig, die Rolle der öffentlichen Institutionen und jene der NGOs, Vereinen, Genossenschaften, welche eine enorm heterogene Realität umfassen, zu analysieren. Einige davon haben sich in überfüllte, vertikale, bürokratisierte Strukturen verwandelt, in denen die Erhaltungskosten der Strukturen jene der Hilfe weit übertreffen; wo nicht selten Mitarbeiter und beherbergte Personen als passive Objekte behandelt werden, der Stimme beraubt und ohne Möglichkeit, Initiative zu ergreifen.

 

Es ist diese Fähigkeit des Monitorings -  ohne die,  „Transparenz“ nichts als ein leeres Wort ist und ohne die es unmöglich ist, wenigsten ansatzweise angepasste Handlungen und Interventionen zu erarbeiten - welche die Aktivitäten von Borderline Sicilia auszeichnet  und Hauptgrund unserer Entscheidung ist,  den internationalen Alexander Langer Preis 2014 an die Organisation  zu vergeben.

 

 

Borderline Sicilia entsteht durch Initiative einer kleinen Gruppe internationaler Aktivisten: die deutsche Politik-Wissenschaftlerin Judith Gleitze, zwei sizilianische Anwältinnen Paola Ottaviano und Germana Graceffo, der Radiojournalist Roman Herzog und Theaterdramaturgin und Heike Brunkhorst und ist eine Reaktion auf eines der vielen tragischen Ereignisse, die zeigen auf welche Art und Weise die „Festung Europa“ das Phänomen der Immigration und die Ankunft der Boote an den Küsten des Mittelmeeres in Angriff nimmt: der Tod von 17 jungen Palästinensern und Ägyptern, die in der Nacht des 28. Oktobers 2007 vor der Küste bei Siracusa nahe Vendicari im Meer ertrinken.

 

Durch den Blog siciliamigranti, der auch in Englisch in Deutsch aktualisiert wird, ist BS ein zentraler Ansprechpartner für Informationen erster Hand hinsichtlich jedlicher Formen von Diskriminierung und Rassismus, welchen Migranten in Sizilien ausgesetzt sind.

 

 

Dank der Fähigkeit, solche Initiativen wertzuschätzen und zu stärken, die im Territorium bereits vorhanden sind, ist es BS gelungen, ein breites Spektrum von Initiativen durch eine relativ „leichte“ Organisationsstruktur umzusetzen. Heute besteht BS aus drei Personen, drei Mitarbeitern, alles Freiwillige, die sich innerhalb eines Netzwerkes bewegen:  BS konnte Beziehungen mit Institutionen und  lokaler, nationaler und europäischer Initiativen aufgebauen.

 

 

Unterstützt durch Universitäten und Fachexperten hat sich BS an einer transnationalen ethnografischen Forschung zum Thema der Europäisierung des Asylrechtes und der Immigration beteiligt, welche in Italien, Zypern und Spanien durchgeführt wurde. Diese Studie, gemeinsam mit weiteren Berichten zu den Umständen, die in den Aufnahme-Strukturen Siziliens herrschen, ermöglichen eine offene und ernsthafte Diskussion über die kontroverse Beziehung zwischen Rettung und Militarisierung, charakteristisch für die Operationen Frontex und Mare Nostrum. 

 

 

„Dort sein, wo andere nicht sind“ - dies der Slogan von Borderline Sicilia. Er steht nicht nur für die Präsenz der Freiwilligen vor Ort, welche zu direkten und präzisen Informationsquellen werden und eine Kritik der meist oberflächlichen und verzerrten Berichterstattung zu diesen Themen durch die Massenmedien darstellen. Er steht auch für die konstate Suche nach Dialog mit allen relevanten Institutionen, ohne Vorurteile, Minderwertigkeitsgefühl oder Unterwürfigkeit: in der Überzeugung, dass die Regeln des Zusammenlebens respektiert werden müssen, aber dass die Bürger ein Recht haben diese kennenzulernen, sie gemeinsam zu diskutieren und sich auch an ihrer Neu-Schreibung zu beteiligen. Neben dem Monitoring vor Ort, ist dies das zweite Merkmal von BS: die Teilnahme und Mitsprache der italienischen Zivilgesellschaft an den Entscheidungsprozessen der Organisationen und Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene  zu fördern.

 

Dieser Blick über alle Grenzen hinaus, ist wohl jenes Merkmal, das Alex Langer am meisten geliebt hätte -  er, der sich zwischen Europaparlament, den internationalen Debatten und der lokalen Realität hin und her bewegt hat: ohne Anmaßung und Paternalismus. Seine letzte Ansprache im Europaparlament widmete er der Notwendigkeit, den Frauen aus Algerien Schutz in Europa zu gewähren: im Namen einer neuen „fratellanza Euromediterranea“.

 

Genauso wie BS auf legalem Wege die Übergriffe auf zwei junge Tamilen durch Palermitaner bekämpfte und die Solidarität des Viertels in dem sie wohnten, stärkte. Oder als BS sich darum bemühte, jeden Einzelnen der 17 jungen Menschen zu identifizieren, die an der Küste Sirakusas verstarben, und es ermöglichte, die Familien der Verstorbenen und die lokale Bevölkerung in Verbindung zu bringen: das bedeutet, dem Opfer das Recht auf eine materielle und symbolische Bestattung anzuerkennen. Eine Handlung, die den Verstorbenen einen Platz in der Gemeinschaft der Menschen und den Angehörigen einen Ort der Erinnerung gibt.

 

Die Aufforderung nicht zu vergessen, sondern zu erinnern hört man oft. Doch im Konzept der „aktiven Erinnerung“ welche das Handeln von BS inspiriert, geht es um etwas anderes: diese Art der Erinnerungs-Pflicht hat zum Ziel, Wissen, Austausch und Wandel zu fördern und auch jenen Menschen Zugang zu Rechten und Diensten und guten Aufnahme-Praktiken zu ermöglichen, die bisher davon ausgeschlossen wurden. Die Initiative in Syrakus bewahrte die verstorbenen Jugendlichen vor dem weitverbreiteten Schicksal ein „unbekannter Flüchtling“ zu werden und geht über das oberflächliche und unpersönliche Beileid der offiziellen Zeremonien hinaus. Nicht zuletzt, wurde dadurch eine Brücke geschaffen, zwischen jenen die leiden und jenen die lernen können den Schmerz zu teilen.

 

Der Präsident des wissenschafltichen Komitees: Fabio Levi

 

 

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird
von der  Stiftung der Südtiroler Sparkasse von Bozen zut Verfügung gestellt


Mitglieder des wissenschafliche Komitees der Stiftung sind:
Fabio Levi, Bettina Foa Anna Maria Gentili, Andrea Lollini, Anna Bravo, Maria Bacchi, Francesco Palermo, Gianni Tamino, Christoph Baker, Massimo Luciani, Grazia Barbiero, Karin Abram, Paolo Bergamaschi, Mao Valpiana, Margit Pieber, Marianella Sclavi, Marijana Grandits, Pinuccia Montanari, Roberto De Bernardis,