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Der Alexander Langer Preis geht im Jahr 2013 ans Verein "Donatori di musica". Die Begründung

Die Entscheidung den Alexander Langer Preis in diesem Jahr dem Verein “ Donatori di musica” zu verleihen, scheint einen Bruch mit der Tradition darzustellen. Dieser Verein stellt ein Netzwerk aus Künstlern, Ärzten, Krankenpflegern und Freiwilligen dar. Er organisiert hauptsächlich Musikkonzerte in den Krebsabteilungen der Krankenhäuser. Die Alexander Langer Stiftung hat bis jetzt vor allem Friedenseinsätze und Hilfsorganisationen, die in Kriegsgebieten agieren, ausgezeichnet. Die diesjährige Entscheidung stellt mehr als einen Bruch eine Neuorientierung dar: vom Weit entfernten hin zum Nahen; von den Notfällen hin zum Alltäglichen; Von der Pflege von Verletzten hin zur Pflege von Krebspatienten. Wenn es eine Gemeinsamkeit gibt, die alle unsere Preisträger auszeichnet, ist dies die Wahl auf Gewalt zu verzichten.

Gandhi und nach ihm Illich, prangerten die krankmachenden Folgen der modernen Medizin an. Ihre Gegner war sowohl die zu große Spezialisierung als auch das Ungleichgewicht von Wissen und Macht, die den Patienten an den Arzt bindet. Besonders im Bereich der Krebserkrankung erlebt der Kranke Momente äußerster Verletzlichkeit und großer Schmerzen; der Kranke begibt sich in die Hände von Spezialisten, welche über ihn, die Therapien, deren Anwendung und Dauer entscheiden.

Heute hat die Medizin gelernt über sich und die eigene Berufung nachzudenken. In vielen Krankenhäusern bemüht man sich seit Jahren den Kranken den Aufenthalt so menschenwürdig wie möglich zu gestalten. Es werden unterschiedlichste Initiativen zur Ablenkung und zum Zeitvertreib ins Leben gerufen. Bewundernswert!

Aber „ Donatori“ wollen noch etwas Anderes: Sie wollen ein Gegenstück bilden  zu jenem Modell der Medizin, welches noch dazu tendiert den Kranken zu isolieren und ihn als „ Krebspatienten“ abzustempeln. Hier findet man einen guten Vergleich zu den Ereignissen in Kriegsgebieten oder bei Naturkatastrophen, in denen die Betroffenen Opfer sind. Aber sie wollen nicht nur Opfer sein, sondern auch eine Beziehung von Mensch zu Mensch erfahren, nicht nur Geschädigte und Helfer sein.

Um die Krebskranken nicht auszuschließen, sondern ihnen noch ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, ist es wichtig Beziehungen zwischen den Kranken, deren Familienangehörigen, den Freunden, den Musikern und dem Krankenhauspersonal zu knüpfen. Dies soll keine einmalige Sache darstellen, sondern es braucht viel Zeit, Kontinuität, großes Wissen und bestimmte Regeln.

Hier kommt das Konzert als Instrument und als Symbol der Gemeinsamkeit ins Spiel. Man bereitet es gemeinsam vor, man erlebt gemeinsam das schöne Gefühl, das uns die Musik gibt, man genießt gemeinsam das zubereitete Essen. Gemeinsam verändert man sich. Der Verein „ Donatori di musica“ sagt, dass die   Anwesenheit der Musiker in den Krankenhäusern ein Umdenken zur Folge hatte. Die Musiker sind Teil der Welt, aus der sich die Kranken selbst ausgeschlossen hatten oder aus der sie ausgeschlossen worden sind. Der Grundgedanke ist das Wissen darum, dass man zugleich krank und gesund sein kann, meist befindet man sich im Übergang von einem zum anderen Zustand. Das Umdenken findet darin statt, dass der Kranke nicht nur jemand ist, der um etwas fragt und es erhält, sondern er kann genauso gut jemand sein, der etwas gibt. Es findet ein Austausch statt. Der Künstler bietet seine Musik an, der Pfleger seine Fähigkeiten, der Kranke sein eigenes Wissen, d.h. den Umgang mit den Schmerzen, aber auch die Geschichte des eigenen Lebens, welches hoffentlich noch weitergeführt werden kann.

Dies alles schützt vor dem Risiko gegen seinen Willen zu „ Berufskranken“ gemacht zu werden. Es ist eine Kritik an unserer Gesellschaft, in der der Krebs fast ein Tabu ist, das nicht ausgesprochen werden kann. Die Erfahrung zeigt, dem kann man sich widersetzen und genau hier setzt die Erfahrung der „ Donatori“ an.

Im Jahr 2007 hat ein Krebspatient, welcher Musiker und künstlerischer Leiter war, dem Primar des Krankenhauses von Carrara den Vorschlag unterbreitet, ein Konzert zu organisieren. Er hatte diese Arbeit vor seiner Erkrankung ausgeübt und wollte sie so lange es möglich wäre, ausüben. Das Event war so erfolgreich, dass es zu einem Fixpunkt wurde und auch andere Personen und Institutionen anregte- die Krankenhäuser von Bozen, Brescia, Saronno, Sondrio, Vicenza, San Camillo Forlanini di Roma.

 Ein solch ambitioniertes Projekt erfordert auch Regeln und Vereinbarungen. Die Künstler sollen neben ihrer musikalischen Professionalität auch sensibel und diskret sein und keine Eigenwerbung betreiben. Die Pfleger sollen immer auf dem neuesten Stand der Therapiemöglichkeiten sein. Alle sollen sich gegenseitig wertschätzen und respektieren. Während des Konzertes tragen die Anwesenden normale Kleidung, keine „ Uniformen“, um auf die Besonderheit des Events hinzuweisen.

Trotz alledem vernachlässigt der Arzt nicht seine Arbeit. Er führt diese nun bewusster aus, in Hinblick auf den Kranken und auch auf die eigenen Schwächen und das eigenen Unbehagen hin. Hier steht das Zwischenmenschliche im Mittelpunkt, im Gegensatz zur herkömmlichen Medizin, bei der der Kranke im Mittelpunkt steht, welcher alle Entscheidungen dem Arzt überlässt. Die Beziehung zwischen Arzt und Patienten ist wichtig für eine sanftere Pflege, im Gegensatz zu jener weit verbreiteten Tendenz die Therapie wie einen Krieg oder Kampf anzugehen.

Entscheidend für das Umdenken ist die Wichtigkeit der Beziehungen untereinander. Während die Menschlichkeit in der Pflege auch heute noch als etwas Zusätzliches gesehen wird, ist dies für die „ Donatori „ ein fixer Bestandteil in der Berufstätigkeit. Ohne das Zwischenmenschliche gibt es weder eine gute Medizin noch eine gute Therapie.

„Donatori“ wollen mit diesem Einsatz nicht das Gesundheitswesen reformieren, sondern es soll ein Anstoß für eine innere Änderung sein, eine Entscheidung keine Gewalt anzuwenden und ein bewussteres Leben zu führen.  

 

 

Der Präsident des wissenschafltichen Komitees: Fabio Levi

Der Präsident der Stiftung: Enzo Nicolodi

 

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der  Stiftung der Südtiroler Sparkasse von Bozen zut Verfügung gestellt


Mitglieder des  wissenschafliche Komitees der Stiftung sind:
Fabio Levi (Präsident), Anna Maria Gentili (Vizepräsidentin), Andrea Lollini, Anna Bravo, Bettina Foa, Maria Bacchi, Francesco Palermo, Gianni Tamino, Christoph Baker, Massimo Luciani, Grazia Barbiero, Karin Abram, Paolo Bergamaschi, Mao Valpiana, Marco Onida, Margit Pieber, Marianella Sclavi, Marijana Grandits, Pinuccia Montanari, Roberto De Bernardis, Roland Benedikter.