pro dialog
Der Alexander Langer Preis 2011 geht an die haitianische Vereinigung FDDPA Force pour la défense des droits des paysans haïtiens) zum Gedenken an Elane Printemps Dadoue. Begründung.

 Elane Printemps, genannt Dadoue, wurde im Jahr 1963 in Môle Saint Nicolas in Haiti geboren, einem Land der Unterdrückung und des Leidens. Nach der Befreiung aus der Sklaverei, die bereits zur Zeit der Französischen Revolution erfolgte, hat die Bevölkerung nie aufgehört, einen hohen Preis für ihren Mut zu zahlen: Großmächte wie Frankreich und die Vereinigten Staaten haben das Land unter der Last von untilgbaren Schuldenbergen erdrückt; die Grandons, die Großgrundbesitzer, haben die einheimischen Bauern systematisch enteignet; Diktatoren wie das Vater-Sohn-Duo Duvalier haben die Anwendung von roher, sinnloser Gewalt zum System gemacht, mit verheerenden Folgen. Haiti ist ein Land, in dem das Elend und die Unterdrückung weit davon entfernt sind, die Frucht eines uralten Fluches zu sein, aus dem es keinen Ausweg gibt. Es handelt sich viel eher um das Ergebnis von willkürlicher und andauernder Ausbeutung durch internationale Akteure, die im Inland bei jenen Unterstützung finden, die Interesse daran haben, ihren Reichtum und ihre Macht für sich zu bewahren.

 

Bereits mit zwanzig Jahren verließ Dadoue das Kloster der Schwestern der Hl. Theresia. "Ich aß fünf mal am Tag und habe gebetet, - erzählte sie – draußen starben die Menschen vor Hunger". Sie zog - den Blick vor allem auf die Zukunft der jungen Menschen gerichtet - nach Dofiné, einem Dorf mitten in den Bergen, um dort die Kinder zu unterrichten und die Bauern bei der Wiedergewinnung ihres Grundes gegen die Präpotenz der Großgrundbesitzer zu unterstützen. Solidarität sowie Bildung und Ausbildung auch für Erwachsene waren von Anfang an die Mittel, auf welche Dadoue setzte, um die Einführung nachhaltiger, landwirtschaftlicher Projekte zu fördern, die in erster Linie auf die Selbstversorgung ausgerichet waren und durch die Schaffung von Bewässerungssystemen und Baumschulen gegen die Verringerung der Waldbestände ankämpften.

Durch ihr Engagement gab Dadoue - gemeinsam mit der von ihr in den 1980er Jahren gegründeten Vereinigung FDDPA - der Landbevölkerung eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben und bot ihr eine Alternative zur Auswanderung in die Bidonvilles, die Slums der umliegenden Städte. Ihr besonderes Engagement galt den Frauen: Die Möglichkeit, kleine wirtschaftliche Aktivitäten aufzunehmen und sich in Genossenschaften zusammenzuschließen, eröffnete ihnen ein neues Leben, das sie von der traditionellen Unterdrückung und Gewalt befreite und ihnen den Weg zur Selbstbestimmung ebnete.

Zuerst in der Provinz Artibonite und später in anderen Gebieten des Landes, waren es viele tägliche kleine Aktionen, durch die sie Kinder von der Straße und vom Betteln fernhielt, junge Mädchen vor der Prostitution bewahrte, die Bevölkerung zur Hygiene erzog, durch die Anerkennung der traditionellen Medizin zum Verteilen von Medikamenten und zur Bekämpfung von AIDS beitrug. Dies war eine konkrete Art und Weise, um ausgehend vom Aufbau von Selbsthilfenetzwerken Grundrechte für die Bevölkerung einzufordern..

Dank dieser Erfahrungen und Kontakte konnten die FDDPA und Dadoue nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 den betroffenen Menschen sofortige Hilfe leisten. Die im Laufe der Jahre gesammelte Kenntis des Gebietes und das Wissen um die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung waren dabei von wesentlicher Bedeutung. Sie hatte keine Angst, das Versagen des Staates offen zu verurteilen und auf die autoritäre und zum Teil gewaltsame Logik der internationalen Hilfe hinzuweisen. Das Ausmaß der Katastrophe war enorm, das einzig zur Verfügung stehende Mittel war der stetige Einsatz zum geduldigen Wiederaufbau der grundlegenden Lebens- und Zusammenlebensbedingungen durch die einheimische Bevölkerung.

Dadoue schonte sich auch in dieser Situation nicht. Ihr Leben fand jedoch ein frühzeitiges, jähes Ende: Mit knapp 48 Jahren wurde sie am 24. April 2010 in der Cité Soleil bei einem Raubüberfall in einem Bus erschossen.

 Dadoue war aber nicht allein. Ihre Freundinnen und Freunde haben von diesem Tag an - nicht nur in Haiti - ihre geduldige Arbeit weitergeführt. Aus diesem Grund geht der Alexander Langer Preis an die Vereinigung FDDPA, in Erinnerung an Dadoue, die mutig vorgelebt hat, wie jeder selbst sein Schicksal in die Hand nehmen kann. Sie hat gezeigt, wie man auch mitten in einem von Ignoranz und Arroganz geprägten Umfeld effektiv handeln und den Einzelnen und ihren Bedürfnissen eine Stimme geben kann, um dem modernen Größenwahn globaler Mächte erfolgreich die solidarisch ausgerichtete freie Entscheidung von unten entgegenzustellen.

 Der Präsident des wissenschafltichen Komitees: Fabio Levi

Der Präsident der Stiftung: Enzo Nicolodi

 
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Banca Popolare Etica Scrl Padova zur Verfügung gestellt

Mitglieder des wissenschafliche Komitees der Stiftung sind:
Fabio Levi (Präsident), Anna Maria Gentili (Vizepräsidentin), Andrea Lollini, Anna Bravo, Bettina Foa, Francesco Palermo, Gianni Tamino, Giovanni Damiani, Grazia Barbiero, Helmuth Moroder, Liliana Cori, Mao Valpiana, Marco Onida, Margit Pieber, Marianella Sclavi, Marijana Grandits, Pinuccia Montanari.

Haiti-Preis2011-Begruendung.doc (84 KB)