pro dialog

Alexander Langer

Konrad Walter: Alexander Langer, ein Stück Heimat
Er hat wahrscheinlich die Welt zuviel geliebt, als daß er es in ihr noch ausgehalten hätte. Er hat mitansehen müssen, wie - trotz seines fieberhaften persönlichen Einsatzes - Sarajewo nach wie vor von Menschen gemartet wird, weil die Weltpolitik den einfachen Menschen zuletzt in Betracht zieht. Er hat mitansehen müssen, wie das Ozonloch - trotz seiner unermüdlichen Aufklärung - weiter wächst, weil die kurzsichtige Profitgier die Überhand hat vor der Sorge um die Zukunft der Menschheit. Er hat aber auch mitansehen müssen, wie "seine" interethnische Bewegung in der Landeshauptstadt - zum Teil engstirnigen Überlegungen folgend - in die Brüche gegangen ist, daß einzelne daraus ins nationalistische Lager abgewandert sind.

Die Konsequenz, die Alexander Langer aus diesen (und vielleicht noch vielen anderen) Enttäuschungen gezogen hat, ist eine für Südtirol nicht untypische: der Freitod. Es wäre jedoch grundfalsch zu behaupten, er sei eben ein Opfer geworden seiner eigenen Sensibilität, seiner Intelligenz, seines Interesses für die Leiden dieser Welt. Nein, er ist ein Opfer der Granaten von Sarajewo, ein Opfer der rücksichtslosen Zerstörung der Umwelt, ein Opfer der schreienden Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten aller Art, ein Opfer der Selbstgefälligkeit und Arroganz. Freilich, nur wer nicht die Augen hat, um diese Zustände zu sehen, nur wer nicht das Herz hat, um unter ihnen zu leiden, nur der ist ein für allemal gefeit vor dem Gedanken an die letzte der Konsequenzen: den Abschied für immer.

Eine andere Art von Abschied hat Alexander Langer vor einigen Jahren vom AGB/CGIL genommen: Aufgrund von zwei Gastkommentaren zum Thema Autonomie hat er seine langjährige Mitgliedschaft aufgekündigt, um - so schreibt er in seinem Leserbrief an die SAZ (Nr. 7/87) - "die Redaktion der SAZ und die Leser dieser Zeitung bzw. die Gewerkschaftsmitglieder zum Nachdenken darüber anzuregen, wie innerhalb der Gewerkschaft und ihrer Medien ein echter und wirksamer Beitrag zur Demokratiesierung, zur Aussöhnung und zur Humanisierung des Lebens auf den Arbeitsstätten, in der politischen Organisation, zwischen den Volksgruppen usw. geleistet werden kann". In Kontakt mit dem AGB/CGIL ist er trotzdem immer geblieben, so hat er auch im Dezember 1993 in einem langen Gespräch mit zwei Dutzend Gewerkschafter/inne/n im Gebäude des Europaparlamentes in Straßburg seine Sorgen und weltumspannenden Ziele dargelegt.

Auf die Frage einer Sozialforscherin, wer am meisten für Südtirol getan habe, habe ich ohne Zögern geantwortet: "Silvius Magnago und Alexander Langer". Alexander ist ein Stück der Heimat Südtirol geworden, freilich einer weltoffenen, demokratisch und sozial gerechten, ökologisch besorgten, menschlichen und friedlichen Heimat. Dieses Stück Heimat - das möge jetzt unser einziger Trost sein - muß und wird Bestand haben.

Landessekretär des AGB/CGIL