pro dialog

Alexander Langer

Guido Denicolò: Er hat lokal gedacht und global gehandelt
In den verschiedenen Erinnerungen an Alex Langer wurde in den letzten Monaten vornehmlich sein überregionales Engagement hervorgestrichen: Alex Langer der Europaparlamentarier und vor allem der Politiker in seinem Leiden an den Folgen des Auflösungsprozesses auf dem Balkan.

Ich glaube aber, dass dabei ein wichtiger Aspekt seiner Persönlichkeit nicht berücksichtigt worden ist. Gad Lerner hat es heute in einer gewissen Weise nachgeholt, als er einleitend auf den Ausgangspunkt Alex Langers hinwies. Der Ausgangspunkt Alexander Langers – im Handeln wie im Denken – war in der Tat Südtirol.
Ich denke, bei Alexander Langer war die Maxime “Global denken und lokal handeln” in Wirklichkeit genau umgekehrt: Er hat lokal gedacht und global gehandelt. Tatsächlich war für ihn Südtirol das Erfahrungs- und Denklabor wo er seine Sinne geschärft hat, besonders sein Gefühl für ethnisch-national geprägte Konflikte und deren ernstzunehmende Gefährlichkeit, seinen Spürsinn für ethnisch-national geprägte Zusammenlebens- und Verständigungsprobleme. Ohne diese Schärfung des Gespürs für derartige Problematiken in Südtirol und an Südtirol, wäre nach meiner Meinung Alex Langer, wie wir ihn heute würdigen, gar nicht denkbar. Für ihn war insofern Südtirol gewissermaßen ein Modell, aber es war eben nicht nur ein positives, sondern auch ein potentiell negatives. Er sah darin nicht nur ein Modell, das man exportieren könne, sondern auch eines, vor dem man sich unter Umständen in Acht nehmen müsse. Er hat dabei vor allem das Südtirol der Nach-Paket-Ära vor Augen gehabt. In seinem Universitätsstudium und in seiner Dissertation hat er sich mit dieser Zeit des Übergangs und der Überleitung vom ethnischen Konflikt der Fünfziger- und Sechzigerjahre hin zur neuen Stabilisierung nach 1969-71 befasst und diese auch gründlich studiert. Aber nicht teilnahmslos und kalt, sondern sehr wohl verbunden mit Wünschen und auch bestimmten Ängsten. Ich habe seine Dissertation gelesen – sie liest sich schlecht wie jede Dissertation – und man merkt es dem Autor an, dass ihn der Gegenstand einnimmt und dass es ihm nicht nur um den Erwerb eines Studientitels geht. Er nimmt kritisch teil an einer Entwicklung, an einem Werden von dem er überzeugt ist, dass es sowohl gut wie auch schlecht ausgehen kann. Dies geschah schon damals aus seiner besonderen persönlichen Sensibilität heraus, die geprägt war von einem sehr neugierigen Altruismus. Diese Einstellung hat seine Umgangsweise mit Südtirol und dann mit Südtirol-ähnlichen Situationen auβerhalb der Region nachhaltig beeinflusst. Für Alex Langer galt die Definition des Anderen – und er suchte den Anderen – als desjenigen, dem man gewissermaßen stets etwas schuldig ist. Der Andere als jemand, dem man entgegen gehen, vielleicht sogar etwas geben muss, dem man möglicherweise etwas vorenthalten hat und bei dem man daher immer irgendwie in der Schuld steht. Ein bestimmtes Schuldgefühl gegenüber dem Anderen – diesem zunächst undefinierten, aber schließlich doch immer wieder identifizierbaren Anderen – war in ihm sicherlich ständig vorhanden. Darüber, ob dies auch religiöse Hintergründe hatte, soll hier nicht diskutiert werden. Langer hat aber relativ schnell verstanden, in welche Richtung die Entwicklung in Südtirol sich anschickte zu gehen. Er war Jurist genug, um zu erkennen, welches normative Klima mit der neuen Autonomie entstehen würde. Ebenso war er Jurist genug, um ein Gespür nicht nur für die normative Kraft des Faktischen zu haben – d.h. um zu wissen, dass Tatsachen auf Dauer Regeln schaffen – sondern auch um zu wissen, welche tatsächliche verhaltensbedingende Kraft formale Normen entwickeln können. Für ihn war also die ganze juristische Diskussion – und es war in erster Linie eine juristische Diskussion um die neue Autonomie – ein Zeichen dafür, dass hier Regeln Eingang fanden, die nicht nur auf dem Papier bleiben würden. Hier wurden Normen gesetzt, die verhaltensbedingend waren bzw. unweigerlich reale Verhaltensmuster schaffen würden. Aus diesem Grunde war Alex Langer stets auch sehr interessiert an formalen und inhaltlichen Aspekten. Er hatte groβes Verständnis dafür, dass die deutsche Sprachgruppe in Südtirol sich aufgrund verschiedener historischer Erfahrungen zu einer Überlebensgemeinschaft entwickelt hatte, zu einer in sich geschlossene Gemeinschaft, der es eben ums Überleben ging. Und er wusste, dass die deutsche Sprachgruppe vorwiegend als Überlebensgemeinschaft in diese neue Autonomie herüberwechseln und bedingen würde. Er brachte ebenso Verständnis dafür auf, dass diese neue Autonomie für die italienische Sprachgruppe Verlustgefühle mit sich bringen würde: das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, Gefühle der Entmachtung, der Orientierungslosigkeit, der Ohnmacht. Und er hat geglaubt, es müsse und könne möglich sein, beide im Dialog aufzuweichen, zu überwinden und zu einer wachsenden interethnischen Zusammenarbeit zu kommen. Langer hat aber deutlich gesehen, dass in der deutschen Sprachgruppe als Überlebensgemeinschaft die Forderung nach innerer Selbstdisziplin, nach Selbstüberwindung im Interesse der Gruppe sehr stark war, dass eine deutliche gesellschaftlich-politische Erwartung auf Unter- und Einordnung und gleichzeitig auch eine erhebliche individuelle Bereitschaft dazu vorhanden waren. Es ist ihm aufgefallen, dass Identität auch einen zweiten, absolut negativen Aspekt haben kann: Identität als Annulierung des Einzelnen, Identität im Sinne von Identisch-Sein mit der Gruppe, mit dem „Gröβeren“. Identität eben als (individueller) Identitätsverlust. An diese Gefahr hat er sehr früh öffentlich erinnert, obwohl er relativ schnell einsehen musste, dass in Südtirol seit langem eine Hausordnung bestand, die weder hinterfragt wurde noch hinterfragt werden sollte. Er hatte bald gemerkt, dass die despotischste und die akribischste Herrschaftsform (wie jemand einmal gesagt hat) die Gepflogenheit, die Gewohnheit ist. Das hat er zu spüren bekommen. Alex Langer wurde daher nicht nur scharf bekämpft, ihm blühte Schlimmeres: Er blieb vor allem unverstanden und darunter, glaube ich, hat er am meisten gelitten. Er konnte es tatsächlich nicht verstehen, wie es möglich war, sich einer gerechten Sache, wie er sie vertrat, derartig zu verschlieβen. Er wollte Mauerspringer sein und ist auch über die Mauern gesprungen, aber man wollte ihn weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Und deshalb schickte man ihn immer wieder von einer Seite der Mauer auf die andere zurück. Er wäre vielleicht auch zum „Überläufer“ geworden, nur gab es dafür keine richtige Seite, zu der er hätte wechseln können: Beide Streitseiten waren auf ihre Weise im Recht und gleichzeitig im Unrecht. Er wäre meiner Meinung nach nicht gerne ein Verräter gewesen, aber sehr wohl ein Vermittler und Brückenbauer. Aber es ist ihm ergangen wie den Erbauern jener Brücke in einer Stadt im Kosovo, an deren Namen ich mich jetzt nicht erinnere: Diese Brücke verbindet Albaner und Serben, aber keine der beiden Gruppe will sie. Deshalb wird sie von beiden blockiert, um niemanden weder hinüber noch herüber zu lassen. Es ist eine absurde Langersche Situation: Eine im Krieg zerstörte Brücke wird von gutmeinenden Fremden wieder aufgebaut, aber beide Seiten, die sie eigentlich benutzen sollten, lehnen sie ab. Alex Langer war von dieser Art der Brückenbauer im eigenen Lande. Er war einer der wenigen, die in dieser allgemeinen Befriedung und Beruhigung der Nach-Paket-Ära gemerkt hatten, dass hier wohl ein bewaffneter Konflikt entschärft und vermieden worden war. Auch hatte er verstanden, dass eine Stabilisierung stattgefunden hatte, die allerdings auf gegenseitiger Belastung aufbaute, wie – habe ich vor Zeiten gelesen – bei einer Überdruckkuppel, die eben nur durch gegenseitige Belastung aufrecht bleiben kann. Unter dieser Kuppel spielte sich das tatsächliche Leben ab. Alexander Langer wurde es jedoch unter dieser Kuppel nicht nur zu stickig, er merkte rasch, dass man sich darunter – wie die Fliege in der Käseglocke – auch nicht mehr frei bewegen konnte. Ich denke, hier kommt wieder der feinfühlige Jurist Langer zum Ausdruck. Er hat gespürt, dass Institutionen entstanden waren, die mehr waren als nur bloβe Formen. Sie waren der Niederschlag einer realen Krise in der Beziehung zwischen verschiedenen Sprachgruppen, trugen aber auch die deutlich erkennbare Gefahr in sich, diese Krise dadurch zu entschärfen indem man sie zur Gewohnheit machte und somit verewigte. Institutionen, die als Kompromiss zwischen Belastung und Entlastung unter den Sprachgruppen funktionierten und eine gefestigte Ordnung durch Absonderung ergaben. Als sich noch die meisten zufrieden die Hände schüttelten und sich Komplimente austauschten für die „gelungene Südtirollösung“, hatte Langer schon bald verstanden, dass diese auf dem Grundprinzip einer dauerhaften Trennung und Absonderung und letztendlich auf dem gegenseitigen institutionellen Desinteresse der Sprachgruppen für einander aufbaute. Dieses Desinteresse war institutionalisiert und auf lange Zeit zur verfassungsrechtlichen Ordnungsregel erhoben worden. Und genau dies schien ihm vollkommen unerträglich, denn er hatte von Haus aus Interesse am Interesse des Anderen. Er wollte ihn nicht nur kennen, er wollte auch seine Bedürfnisse kennen, sie respektieren und aufnehmen. Und mit seinem Spürsinn hatte er schnell auch die Schwachstellen des Systems entdeckt. Da war er nicht mehr nur Jurist, sondern auch Politiker genug, um konkret handelnd einzuhacken, um sofort und ständig darauf zu drücken. Er hat aufgezeigt, dass ein solches System auf „innerer Sezession“ aufbaut, nicht auf friedlicher Koexistenz, sondern auf friedlicher Segregation, auf bewusster und bewusst vermittelter Absonderung („gleich aber getrennt“). Und dies hat ihm naturgemäß widerstrebt. Als politisch denkender Mensch wollte er nicht nur leiden, sondern handeln und versuchen, die Akteure, die Verbündeten solchen Handelns ausfindig zu machen. Das waren für ihn Menschen, die es in diesem Südtirol der Segregation in der Tat ebenso gab. Vor allem die Gemischtsprachigen, d.h. die Menschen, die allem zum Trotz Mischehen eingegangen sind, Kinder aus diesen Mischehen, aber auch Angehörige anderer Nationalitäten in Südtirol. Es war daher kein Zufall, dass die ersten gerichtlichen Initiativen gegen dieses System der Zwangseingliederung in eines der drei Sprachgruppen-Monopole von Südtirolern ausgingen, die entweder gleichzeitig mehreren Sprachgruppen oder aber keiner davon angehörten (wie zum Beispiel im Falle einiger slowenischer Mitbürger). Es war im System nicht vorgesehen, dass es neben Deutschen, Italienern und Ladinern auch anderssprachige oder „Gemischtsprachige“ Mitbürger gab. Schon gar nicht rechnete das System mit jener Gruppe von “Undisziplinierten”, die sich nicht einordnen lassen wollten. Auf diese Menschen hat Alex Langer gebaut, als er 1981 die bekannte Volkszählungskampagne in Gang setzte. Er hatte nämlich scharfsinnig verstanden, dass der ethnische Proporz und die Sprachgruppenzugehörigkeit nicht nur als Reparationsmaβnahmen gedacht waren, denn darüber hätte er noch nachdenken können, was aus seiner Dissertation von 1969 klar erkennbar ist. Es stand viel mehr auf dem Spiele, nämlich die unübersehbare Tatsache, dass Proporz und Sprachgruppenzugehörigkeit nun grundsätzlich als stabile, „ewige“ Elemente einer Ordnung durch Trennung konzipiert waren. Niemand konzedierte damals derartigen Maβnahmen einen provisorischen Charakter, sozusagen als sogenannte positive Maβnahmen wie man sie heute allgemein akzeptiert, aber nach dem klaren Grundprinzip, dass sie mit zunehmender Aufhebung der Diskriminierung ebenso aufgehoben bzw. zurückgenommen werden müssen. Sie wurden im Gegenteil als stabile Elemente („Grundpfeiler“) einer dauerhaft angelegten Ordnung durch Trennung gedacht, Kooperation sollte es nicht unter den Menschen, sondern ausschließlich zwischen den Führungseliten der Sprachgruppen geben. Und speziell in Bezug auf die Volkszählung war Alex Langer klar, dass hier nicht nur gezählt, sondern auch identifiziert werden sollte. Nicht nur die Gruppen sollten anonym gezählt werden, die Einzelnen sollten als Gruppenzugehörige individuell identifiziert gemacht werden. Das war der groβe negative Qualitätssprung der Volkszählung von 1981. Mit Namen und Adresse sollte jeder als Zugehöriger zu „seiner“ Gruppe erfasst werden. Auβerhalb stehen bedeutete Auswanderung, internes Exil, Rechtlosigkeit. So wie bei der Volkszählung der Nazis von 1933 in Deutschland, unter tätiger Mithilfe der IBM, als die Juden nicht nur gezählt, sondern identifizierbar und somit „greifbar“ gemacht werden sollten. Ein lückenloser ethnischer Kataster sollte hier entstehen, bis hin zu einem regelrechten ethnisch-biologischen Inventar der Bevölkerung. Es sollte unterschieden werden können zwischen Rechtem und Falschem, zwischen Halbem und Ganzem etc. Langer hatte verstanden: immer wenn Informationen über Menschen gesammelt werden, werden diese irgendwann gegen diese Menschen verwendet. Das alles ist ja dann später Realität geworden. Menschen, die sich in Bosnien, im Kosovo, in Ruanda auskennen, haben mir gesagt, dass es genau so war in diesen Regionen: Im bekannten Ausmaβe hätten die Genozide, die gegenseitigen ethnischen Übergriffe nicht stattfinden können ohne das Vorhandensein von Identifizierungsmerkmalen formaler Natur, wie zum Beispiel eben von Volkszählungsdaten oder von meldeamtlichen Informationen über die ethnische Zugehörigkeit oder Herkunft. Aber Entwicklungen gehen immer auch paradoxe Wege und so hat der Proporz, wie heute vielfach die sog. Friedenstruppen, nicht nur zur Trennung, sondern auch zu einem gewissen Nebeneinander und auch zu einer bestimmten Vermischung geführt. Diese dialektische Entwicklung ist noch viel zu wenig untersucht worden. Tatsächlich muss man faktisch hinnehmen, dass seit Langers Tod der ethnische Dauerstress im Lande zurückgegangen ist, allerdings nicht durch eine wesentliche Änderung des politischen Klimas, nicht durch den politischen Willen der Beteiligten, sondern irgendwie verdrängt von einer Entspannung die von Auβen gekommen ist, durch den Wohlstand, durch die Möglichkeit, in die Welt hinaus zu sehen, ohne vielfach hinaus zu müssen: Globalisierung und Spaβgesellschaft haben auch Verständigung gebracht..
Abschlieβend stellt sich die Frage: Ist dieser Alexander Langer heute noch aktuell in Südtirol?
Ich weiβ es nicht.
Vielleicht ist er es nicht mehr so wie früher, und das wäre bereits ein Fortschritt, das Symptom einer Besserung. In anderen Teilen der Welt ist er aber leider noch aktuell, und der „Alexander Langer Preis“ zeigt wohl allzu deutlich: Jedes Jahr müssen leider Menschen prämiert werden, die in Konfliktsituationen ähnlicher Natur vermitteln, Mauern einreiβen, über Mauern springen und sich dabei häufig von einer Seite der Mauer auf die andere jagen lassen.
In Südtirol gibt es heute glücklicherweise keinen Anlass den Alexander Langer Preis zu vergeben. Viel schlimmer ist aber, dass es in Südtirol heute auch niemanden gibt, der ihn verdienen würde.

Guido Denicolò lebt in Bozen und arbeitet als Staatsadvocat in Trient