pro dialog

Alexander Langer

Massimo Cacciari: Alexander Langer, leben an die Grenzen
Die dramatische Frage, vor die uns Schriften und Leben von Alexander Langer stellen, ist folgende: „Kann es sein, dass wir unsere Fähigkeiten zum Zusammenleben zerstören?“

Das Zusammenleben hat zwei Aspekte: erstens das Zusammenleben unter uns – gemeint: zwischen Kulturen, Sprachen, Gebräuchen – und zweitens das Zusammenleben zwischen uns und der Natur. Dieses Zweite ist dann nicht ein Zusammenleben mit jemand anderem. Es ist das Zusammenleben mit unserer eigenen Natur, unserer natürlichen Dimension. Genau das unterscheidet nämlich Langer radikal von jenem anderen, üblichen Umwelt-Schützer: dem, der die Natur als etwas betrachtet, was uns gegenüber steht. Nein, die Natur, das sind „wir und die Natur“, „wir und die Dinge“. Es gibt nicht „den Menschen und die Natur“.
Immer, auch wenn wir die schlimmsten Gemeinheiten verbrechen, müssen wir uns bewusst sein: es sind nicht irgendwelche Außer-Natürlichen, die sie verbrechen. Es sind jene Teile der Natur, die wir sind. Denn unser Hirn, unser Verstand, unsere Seele, genauso wie unser ganzer Körper, sind Teil der Natur. Wenn also dieses Hirn, dieser Verstand, diese Seele die Natur zerstört, so ist das ein Teil der Natur, der sich zerstört. Die beiden Dimensionen in uns müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Beide müssen sie in uns zusammenleben. Unsere Krankheit besteht darin, dass wir zwischen diesen beiden Dimensionen unterscheiden. Genauer: dass wir sie voneinander trennen wollen.
Zwischen den beiden zu unterscheiden, ginge noch in Ordnung. Es wäre eine Denkübung und somit nützlich. Aber die beiden Dimensionen abstrakt voneinander zu trennen, eine tote Trennungslinie dazwischen zu ziehen, das ist tödlich. Es zerstört Geist und Körper, Seele und Natur.
Bezogen auf Alexander Langer würde ich auch nicht von Ökologie oder von Umweltpolitik sprechen. Ich würde einen anderen Begriff verwenden, einen stärkeren und der mir besser gefällt. Ich würde von „Ethologie“ sprechen. Das beinhaltet einerseits den Umwelt-Aspekt in dem gebräuchlichen engeren Sinn, nämlich das Öko, und andererseits das Ethos: unser Verweilen als Natur in der Natur; unser Sein als Elemente der Natur, die harmonisch mit allen anderen Elementen der Natur leben; die zusammen-leben.
Du Grundidee bei Langer ist jene des Lebens als Zusammenleben. Wo du nicht zusammen-leben kannst („con-vivere“), kannst du nicht leben. Leben ist Zusammenleben. Und das also hieße ich nicht Umweltschutz, nicht Ökologie, sondern, wie gesagt: Ethologie. Die Ethologie – Langer selbst sagte das – hat man sich vorzustellen wie eine Wissenschaft oder wie eine Kunst des Zusammenlebens, des Wohnens, des Verbleibens, des miteinander Lebens in der Natur, mit der Natur, wie die Natur.
Alexander Langer war gleichzeitig erfüllt von großen Hoffnungen wie auch von Illusionslosigkeit. Schwer zu sagen, ob seine Hoffnungen, so begründet und illusionslos sie waren, noch eine Chance auf Verwirklichung haben. Die Geschichte entwickelt sich jedenfalls genau in die gegenteilige Richtung. Ich glaube, Langer selbst ist sich auf dramatische Weise bewusst gewesen, wie seine Hoffnungen und die Wirklichkeit immer weiter auseinander klafften. Wir müssen uns das eingestehen.
Was ich damit sagen will: Es erweist sich als immer schwieriger, ein wirkliches Zusammenleben zwischen Menschen, Kulturen, Sprachen, Religionen und Gebräuchen zu gestalten. Genauso wie wir die Erde und unser Verhältnis zur Erde immer mehr als ein Gefängnis, eine Begrenzung empfinden. Rastlos, gierig, ja krankhaft bewegen wir uns hin zu einer Utopie, zu einem Traum oder Albtraum, nicht so sehr von einer allgemeinen Verbesserbarkeit der Natur, nein, geradezu von einer Art „Neo-Natur“. Von der Schaffung einer eigenen, neuen Natur. Nehmen wir etwa die Diskussion über die Biotechnologien, mit der Langer sich so sehr befasste: Niemand hat sie mehr im Griff. Die Natur, so wie sie uns geschenkt ist, - immer selbstverständlicher wird sie als Hindernis, als Gefängnis empfunden, das überwunden, aus dem ausgebrochen werden muss. Wir bauen an einer neuen Natur. Immer rasanter bewegen wir uns in diese Richtung und sonnen uns am Erfolg. Das einzige Kriterium ist: Erfolg haben; etwas ist möglich, also verwirkliche ich es.
Paul Valery, der große Dichter, sagte: „Der Mensch ist jenes Lebewesen, das früher oder später alles verwirklicht, was er träumt“. Eine Besorgnis erregende Prophetie, fürwahr, aber genau so war es bisher. Was geträumt wurde, ob Utopien, Schrecken, Wunder, es wurde immer verwirklicht.
Was träumen wir heute? Das Zusammenleben? Die Harmonie? Oder träumen wir, auszubrechen aus diesem Kerker von einer Erde? Nach oben, unten, nach innen oder nach außen, ganz egal. Grenzen? Welch Graus! Wurzeln zu haben, welche Beschränkung!
Bewegung! Bewegung! Wir leben in einer Zeit des universellen „Mobil ist gut“. Aber was für Zeit ist das? Das ist die Frage. Und das ist auch die Herausforderung, die Persönlichkeiten wie Alexander Langer an uns stellen. Es ist sehr leicht – und hier spreche ich nicht von Langer – zu predigen und groß zu reden über die Natur, die Umwelt, den Respekt voreinander, die Toleranz. Schwer hingegen ist es, die hehren Ziele mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Wir haben eine große Verantwortung. Verantwortung kommt von antworten. Also antworte!
Es ist ja gut zuzuhören. Heutzutage wird so viel von zuhören geredet. Es heißt, ein Politiker ist gut, wenn er zuhört. Ich sage: ein Politiker ist gut, wenn er antwortet, und nicht wenn er zuhört. Klar musst du auch zuhören, um antworten zu können. Aber es reicht nicht zuzuhören – „hören wir mal“, „machen wir mal eine Umfrage ...“ – Nein, antworten musst du.
Für mich ist von größtem Interesse, wie Alexander Langer an die Frage des Zusammenlebens heranging. Er verschwieg nicht die Schwierigkeiten, wie das bei Politikern oft der Fall ist, wenn sie sagen: nur Mut! Und voran! Oh, nein, Langer war sich der Schwierigkeiten sehr bewusst.
Zum einen gilt: Zusammenleben kann nur auf dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung gründen. Wenn die gegenseitige Anerkennung fehlt, besteht nicht der Wille, die Kunst des Zusammenlebens zu pflegen. Andererseits aber: Wehe, wir verstehen das Zusammenleben als irgend ein Durcheinander, eine Art „reductio ad unum“, wo keiner mehr seinen Standort, seine Kultur und seinen Charakter hat und wir alle nur noch ein einzigen kleinsten gemeinsamen Nenner haben.
Also einerseits gegenseitige Anerkennung, andererseits Identität. Identität und gegenseitige Anerkennung miteinander in Einklang bringen. Beides ist Voraussetzung für ein Zusammenleben. Es gibt nicht das eine ohne das andere. Jede simple Lösung wird sich als falsch und langfristig nicht praktikabel herausstellen. Langer verwendet in diesem Zusammenhang das schöne Bild von den „Grenzgängern“. Das sind Menschen, die ihren Charakter bewahren und sich zwischen den Grenzen bewegen; die – um einen Begriff aus dem Evangelium zu verwenden – über die ethnische Geschlossenheit „hinwegschreiten“. Ihre eigene Identität misst sich in dem Maß, in dem sie die Notwendigkeit zur Beziehung mit dem Gegenüber erkennt. Ich brauche den Dialog mit dem Andern. Erst dadurch definiere ich meine Identität. Ich wäre nicht ich selbst ohne diese Beziehung, ohne andauernd, als Grenzgänger, auf die Seite des Andern zu gehen, seine Argumente anzuhören, sich mit ihm auseinander zu setzen, und sich immer bewusst zu sein, dass jeder Kontakt auch eine Gefahr darstellt.
Alexander Langer war ein Philosoph und ein Politiker der Grenze. Was ist Grenze? Grenze ist genau genommen jener äußerste und auch gefährdetste Punkt, an dem ich den Andern berühre. Ich trete in eine Beziehung zum Andern. Ich gehe die Gefahr ein zu berühren und berührt zu werden. Das ist die Grenze, italienisch: il confine, in dem das Wörtchen „cum“ steckt. Cum – mit. Nicht die Barriere, die mich isoliert, sondern die Linie, die mich „mit“ dem Andern verbindet.
In diesem Sinn war Langer Grenzgänger. Er war sich bewusst, dass seine Identität genau dort zum Ausdruck kommt, wo er auf den Anderen trifft. Ich weiß, das alles ist etwas schwer zu verstehen und noch schwerer zu leben. Und ich glaube, die Bewältigung dieser Aufgabe hat auch die Kraft des Menschen Alexander Langer überfordert.

Übersetzung und Bearbeitung: Florian Kronbichler




Langer und Cacciari

In Cesano Maderno bei Mailand ist vor kurzem ein Umwelt-Kulturzentrum eröffnet worden, das nach dem vor neun Jahren verstorbenen Südtiroler Alexander Langer benannt ist. Den Festvortrag zur Eröffnung hielt Massimo Cacciari. Cacciari war von 1995 bis 2002 Bürgermeister von Venedig. Heute lehrt er Philosophie an mehreren Universitäten. Die Neue Südtiroler Tageszeitung veröffentlicht seinen Vortrag „Profilo e figura di Alexander Langer“ aus Anlass der Studientagung der Alexander-Langer-Stiftung „Euromediterranea 2004“, die dem Thema „Das Europa der 25. Das Beispiel Polen“ gewidmet ist und mit zwei Aussstellungen heute in Bozen beginnt.