pro dialog

Alexander Langer

Karl Ludwig Schibel: addio Alex
Alexander Langer hat am Abend des 3. Juli seinem Leben ein Ende gesetzt. Sein enger Freund, Adriano Sofri, hält es für bedeutungsvoll, daß er sich an einem Aprikosenbaum erhängt hat.

La Repubblica schreibt, er habe den Ort in den Hügeln vor Florenz nicht weit von der Villa Spadolini sicherlich bewußt gewählt. Schließlich trägt jenes Gesetz Spadolinis Namen, das die Kennzeichnung der Volksgruppenzugehörigkeit in der Provinz Bozen zwingend für jene vorschreibt, die im öffentlichen Sektor tätig sind. Alex hat sich sein ganzes Leben gegen diese ethnische Käfige gewehrt. Das Verhältnis zu seiner Frau Valeria und die Tatsache, daß es der Jahrestag des Todes seines Vaters war, wurden angeführt, um diesen völlig unerwarteten Freitod zu erklären.

Die meisten von uns, die in den vergangenen Wochen um ihn geweint haben, verweigern sich diesen Interpretationen. Ihnen zuvorzukommen, sind seine drei Abschiedsnotizen veröffentlicht worden. In ihnen hat Alex seine Gründe selbst benannt. Als zentrales Motiv beklagt er die Last, die ihm zu schwer geworden ist. Er schaffe es nicht mehr, schreibt er, und für uns Zurückbleibende hat das etwas unendlich Bedroliches, wenn dem die Kraft ausgeht, dessen Nähe wir suchten, weil er uns Kraft gab, weil seine klarsichtigen Analysen uns die Welt erklärten.

Die "Briefe aus Italien", seine langjährige Kolumne in dieser Zeitschrift, waren nicht zuletzt auch für in Italien Lebende eine wichtige Quelle, um das zu verstehen, was sich täglich vor unseren Augen abspielt. Alexander Langer hat es allmonatlich mit wenigen Zeilen und mit leichter Feder präzise interpretiert und kommentiert, als handle es sich um völlig klare und einfache Zusammenhänge, die nur des Aufschreibens bedürfen. Die komplizierten Machtspiele und verschlungenen Intrigen, die er scheinbar mühelos zu entwirren wußte, richteten sich nicht zuletzt auch gegen ihn.

Peter Kammerer sprach bei den Trauerfeierlichkeiten in Florenz davon, wie leichtfüßig Alex durch Italien und Europa reiste; in den immergleichen Jeans, den Laptop im Rucksack, in der Hand eine Jutetasche voller Unterlagen. Sterzing, Bozen, Rom, Sarajevo, Tuzla, Brüssel, Straßburg, Florenz - um nur einige Stationen dieser Reise zu nennen. Schon als Lehrer in Bozen hat er Zivilcourage bewiesen, als er die ethnische Zugehörigkeitserklärung verweigerte, wohlwissend, daß er des Schuldienstes verwiesen werden würde, und nicht weniger bei einer Demonstration 1977 vor der Universität von Rom, als er als einziger einem von einer Kugel verwundeten Polizisten zur Hilfe eilte. In jener Zeit arbeitete er in Rom als Herausgeber von Lotta Continua, der Zeitschrift der gleichnamigen Organisation. 1978 wurde er als Mitbegründer der Südtiroler Liste Neue Linke in den Landtag von Bozen gewählt. Unter seiner Führung wandelte sich die Südtiroler Gruppe zur Grün-alternativen Liste und Alex wurde in den kommenden Jahren zur charismatischen Leitfigur der italienischen Grünen; für viele der einzige Politiker nationaler Bedeutung, der nicht in Machtkämpfe und -Spiele verstrickt war, bei dem nicht kurz unter der Oberfläche inhaltlicher Fragen kaum verhüllt das Streben nach persönlichen Vorteilen und materiellen Interessen durchschien. Das mußte Aggressionen auslösen, gerade auch in den eigenen Reihen. Niemand ist ungestraft ein derart guter Mensch, allemal nicht, wenn er mit zerstreuter Gleichgültigkeit gegenüber allen Privilegien nicht zuletzt den Kollegen aus dem progressiven Lager die Wonnen der Macht vergällt. Die Versuche der politischen Gegner, ihn als zwar ehrenwerten, aber weltfremden, utopischen Spinner abzutun, finden ihr häßliches Pendant in den eigenen Reihen, wo die devote Unterwerfung unter das Realitätsprinzip zunehmend als Kennzeichen von Politikfähigkeit gilt.

1989 läßt sich Alexander Langer ins Europaparlament wählen, nicht zuletzt, um - zum Bedauern vieler - zu der nationalen Szene auf Distanz zu gehen. 1994 wird er für den Wahlbezirk Nord-Ost, der vom Brenner bis Venedig reicht, mit über 50000 Direktstimmen, das beste aller Ergebnisse, wiedergewählt. Ein überwältigender persönlicher Erfolg eines Politikers, der alle angeblich massenwirksamen Klischees meidet und entschlossen pazifistische und radikalökologische Positionen vertritt. Niemand im links-grünen Lager würde ihm darin inhaltlich widersprechen, aber Realpolitik läßt sich damit, wie wir wissen, nicht machen.

Mit der Wahl ins Europaparlament steigert Alex noch seinen rastlosen Einsatz für die Probleme anderer, für die kleinen all derer, die ihn bei jedem Treffen, bei jeder Versammlung umringen, ihn mit Briefen und Telefonaten überschwemmen, für die großen des friedlichen Zusammenlebens in Südtirol, auf dem Balkan, zwischen Nord und Süd. In einer überregionalen deutschen Tageszeitung stand zu lesen, er sei ein "fast besessener Streiter gegen die "ethnischen Säuberungen in Ex-Jugoslawien" gewesen. Die Gedankenlosigkeit dieser Formulierung spiegelt genau das Problem wieder, an dem Alex verzweifelt ist. Warum setzt sich nicht, angesichts des unerträglichen Grauens, das sich wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Adria abspielt, die kaltschnäuzige Banalität unbeeindruckter Alltäglichkeit dem Pathologieverdacht aus? Warum steht der mitfühlende Einsatz für andere, das sich Berührenlassen von der Unerträglichkeit der Verhältnisse unter Begründungszwang?

Der Tod von Alexander Langer ist der unbeschreibliche Verlust eines geliebten, wegweisenden Freundes, die Tatsache, daß er selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hat, ist eine nicht weniger große Bedrohung für die Weiterlebenden. Es wird schmerzhaft deutlich, wie schwer und wie gefährdet ein Leben ist, das sich nicht gegen die Unerträglichkeit der Verhältnisse abschottet, sich nicht mit all den schlechten Kompromissen in ihnen einrichtet, über die jeder und jede von uns einen Menge zu sagen wissen. Seine Selbststörung zerstört bei uns ein Stück Hoffnung auf die Möglichkeit eines Lebens, das aus der Anerkennung der Verantwortung für das tun der anderen tätig ist und gleichwohl die Sorge um sich selbst kennt.

Alexander Langer ist nicht an dem Konflikt in Ex-Jugoslawien zugrundegegangen. Das ist dumme Rhetorik, mit der unsere Mitverantwortung dafür überdeckt werden soll, daß Alex von dem Gefühl überwältigt wurde, die Last alleine tragen zu müssen. Wir werden nie wissen, ob der Aprikosenbaum oder die Nähe der Villa Spadolinis eine Bedeutung hatten. Alles aber deutet darauf hin, daß er das Bergsteigerseil an jenem Montagnachmittag, wenige Stunden vor seinem Tod, in dem klaren Bewußtsein gekauft hat, auf der Erde ohne Ort zu sein. Für uns, die wir traurig und beschämt zurückbleiben, ist sie dadurch um vieles unwirtlicher und an Hoffnung ärmer geworden.