pro dialog

Alexander Langer

Arnold Tribus: Alexander Lieber
Du weißt es sicher noch, damals, in klassischen Lyzeum Walther von der Vogelweide hast Du uns in der ersten Geschichtestunde die "Fragen eines lesenden Arbeiters" von Brecht vorgelesen.

Du wolltest immer fragende Schüler, weil Du auch auf alle Fragen eine Antwort wußtest. Jetzt bist Du gegangen und hast uns eine Frage hinterlassen, die niemand beantworten kann. Dieser jammervolle Schock, diese alptraumhafte Szene macht uns sprachlos! Wir sind verlassen, paralysiert, versteinert vom Schmerzensschock! Als einziger Laut bleibt haltloses Weinen, die Seufzer, die Zigaretten, der wehmütige Erinnerungsklatsch. Wir stecken zusammen, einander wärmend, tröstend, bemitleidend. Sind wir nicht alle Beraubte? Haben wir Dich nicht alle liebgehabt? Aber warum das? Du hattest Termine geplant und den Flug. War alles ein Täuschungsmanöver? In einem Panzer von Einsamkeit, den keine Liebe mehr durchdringen kann, bist Du, allein, auf Deine letzte Reise gegangen. In einer vertrauten Landschaft mit den sanften Hügeln und Wiesen, friedlich und liebenswerter denn je. Ich weiß, wie teuer Dir diese Schönheit war. Wie kann eine solche Neigung zusammenhängen mit deiner Freundlichkeit und Güte, Deiner Arbeitsdisziplin, Deinem Verantwortungsgefühl? Man frage nicht. Die Frage wäre sinnlos. Wie kann man so blind sein, Selbstmördern ihre Tat zum Vorwurf zu machen? Mit dieser Aussage bist Du einverstanden, gell, wir haben doch immer gesagt, daß man so dramatische Taten nur still respektieren kann. Aber die Todesszene des Meisters ist herzzerreißend und traurig. Jetzt ist der Tod gekommen, des Meisters einsamer Tod. Meine Wehmut steigert sich. "Oh Herr, gib jedem seinen Tod", hatte Rainer Maria Rilke gebetet. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß das der Deine war. Wir wollten ihn, wennschon, anders. Stell Dir vor, man hätte dich in Bosnien umgebracht, oh, das wäre was gewesen! Du wärst ein Held und wir hätten alle gewußt was schreiben, wir hätten nicht nach Erklärungen suchen müssen. "Ich verstehe nicht. Er, ein so begabter Mensch, die Welt war ihm offen! Tragisch, unbegreiflich..." Das sagt man da. Vielleicht warst Du unglücklich da, wie alle Besseren und guten. "Der Schmerz macht müd", hat Stephan George gesagt und Klaus Mann, der auch den Freitod gewählt hat, hat nach einem mißglückten Versucht gesagt: "Warum man Selbstmord begeht? Weil man die nächste halbe Stunde, die nächsten fünf Minuten nicht mehr erleben will, nicht mehr erleben kann. Plötzlich ist man am toten Punkt, am Todespunkt. Die Grenze ist erreicht - kein Schritt weiter".

Lieber Alexander, ich denke an Dich, ich gedenke Deiner und Dir zum Gedächtnis schreibe ich diese Zeilen. Du warst reinen Herzens. Du haßtest das Dumme und das Schlechte. Du klagtest über das Niederträchtige. Das Mächtige imponierte Dir nicht. Du warst ein Rebell. Freudefähig warst Du, genußfreudig, neugierig, voller Initiative. Du warst bezaubert von der Schöpfung, Blumen, Berge, Bücher, Kinder, Frauen faszinierten Dich. Du warst so stark, so viel stärker als wir alle. In Dir war alles Kraft und Heiterkeit, brillant und witzig warst Du und von überströmender Lebendigkeit. Weißt ja noch, wie wir gelacht haben während der faden Sitzungen. Und wir sind ja bei vielen zusammen gesessen, immer artig und anständig, immer emsig und fleißig, immer vorbereitet, denn wir wollten besser sein als die anderen. Waren wir auch, oder? Wenn du Asthma hattest, wurdest Du schweigsam, das waren die Tage, in denen es Dir schlecht ging, die Probleme unlösbar schienen. Wenn Du still und müde warst, hat Dir das geliebte Sterzing geholfen, denn Du, der weltgereiste Kosmopolit warst mit Herz und Stolz Sterzinger, nicht Bozner, nicht Brüsseler, nicht Florentiner.

Ich war 18, als ich Dich kennengelernt habe, heuer hätten wir unser 25jähriges Freundschaftsjubiläum feiern können. Mein Zustand glich damals dem Zustand gewisser Generationen, deren Schicksal es war, an der Wende zwischen zwei kulturellen Epochen zu leben. Dein Geist war schon berühmt und bewegt von der Verheißung einer neuen Freiheit, eines neuen Wissens. Du appelliertest an die Neugier, den Ehrgeiz, die Lust zum Wagnis und zum Abenteuer. Das haben wir dann auch gemeinsam begonnen, weil es ja so viel zu ändern gab. Dein Denken und Schreiben hat die dringenden Fragen und Ängste der letzten Jahre beeinflußt, nie nur abstrakt, theoretisch, neben wichtigen Erkenntnissen hast Du immer auch praktische Anregungen mitgeliefert. Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Du standst in der großen Tradition der skeptischen undogmatischen Aufklärer und warst ein hartnäckiger Verteidiger des Einzelnen und immer mit allen Leidenden und Unterdrückter solidarisch. Du hast dich immer eingemischt und Partei ergriffen und Widerstand geleistet gegen die Unterdrücker und Menschenverachter aller Richtungen und Länder.

Vom Wahnsinn des Wettrüstens bis zur Solidarität mit der dritten Welt, wie die Menschen künftig mit dieser Erde umgehen, ob sie weiter für das, was sie Fortschritt und Wachstum nennen, zerstören und ausbeuten wollen oder endlich damit beginnen, mit ihr solidarisch zu sein, dafür hast in den letzten Jahren gekämpft und viele Menschen um dich gesammelt, weil Du Völker retten wolltest, Menschen auch, die ganze Schöpfung. Und wir da im Lande waren nicht imstande Dein Erbe anständig zu verwalten. Wir schämen uns schon ein bißchen, glaub mir. Und jetzt? Lohnt es sich noch zu kämpfen, wenn die Besten gehen? Lohnt es sich noch?

Alex, wir werden uns dringend darum bemühen, Deinen Erfahrungsschatz nicht zu veruntreuen. Versprochen. Ich hätte Dir ja noch so viel zu sagen. wir wollten uns ja bald wieder treffen, nach den peinlichen Wahlgeschichten im Juni, um neu anzufangen, mit neuer Geduld, neuem Stolz, neuer Tapferkeit. Wir waren trübe gestimmt, beide, verwundet, aber nicht gebrochen. Ich hab mir Deine letzte Karte herangesucht: "Einen sehr nostalgischen lieben Gedanken und hoffentlich auf bald. Es kann doch nicht sein, daß wir so verschiedene Wahrnehmungen der Realität erleben. In alter Liebe Alexander". Danke und entschuldige, daß ich Dir noch nicht geantwortet habe. Aber noch wirst Du noch lange leben, zu viel hast Du uns hinterlassen.

"Leicht zerstörbar sind die Zärtlichen". Mit diesem Satz von Hölderlin will ich Dich noch einmal umarmen, wie in der schönen, alten Zeit.
Ruhe in Frieden, papa Alexander,
Dein ergebener
Arnold Tribus