pro dialog

Alexander Langer

Florian Kronbichler: "Und was noch nicht gestorben ist..."
....das macht sich auf die Socken nun!", heißt es in der "Mutter Courage" von Bert Brecht. Es sei erlaubt, zum ersten Jahrtag des Todes von Alexander Langer an die aufmunternd respektlose Einladung zu erinnern.

Es wird hier keine Trauerfrist für beendet erklärt. Auch sei niemandem zu nahe getreten, der aus dem Schicksal des Freundes und Vorbilds Alexander Langer die Konsequenz gezogen hat, daß politisches Leben und persönliches Glück nicht vereinbar seien. Und schon gar nicht sei etwas schlechtgemacht von dem, was in diesem einen Jahr am Reden, Gedenken und Widmungen für Alexander Langer stattgefunden hat. Manch einen stört, daß um den toten Langer die Luft etwas stickig geworden ist vor lauter Weihrauchwolken und daß die Menge der Freunde und Wertschätzer sich im nachhinein als unverhältnismäßig größer erweist als zu Lebzeiten. Wir neigen der zufriedenen Erkenntnis zu: besser spät als nie. Langer-Freundschaft kennt keinen Numerus clausus und ist nicht eintrittspflichtig.

Nun aber auf die Socken. Die Trauer um den Politiker Alexander Langer (nur um den geht es hier, der Privatmensch Langer sei endlich pietätvoll den Angehörigen und Freunden zurückgegeben!), also die Trauer um den Politiker Langer ist zweifelsohne ein Grund dafür, daß in diesem einen Jahr wenig bis gar nicht Politik in einem Langerschen Sinn gemacht wurde. Ein würdiger Grund. Andererseits gäbe es in dem gewaltigen Nachlaß Langers Hinweise genug (und die beiden soeben erschienenen Langer-Bücher, das eine von Adriano Sofri, das zweite von Siegfried Baur und Riccardo Dello Sbarba, sind der Beleg dafür), daß Trauer, die in Untätigkeit verharrt, dem Vermächtnis des Alexander Langer wenig gerecht wird. Auf niemanden trifft das Kästner-Wort: "Es gibt nichts Gutes außer man tut es" mehr zu als auf Langer.

Man wird feststellen müssen: Es tut sich wenig, seit jenem 3. Juli 1995. Und wiederum sei nicht jenen wenigen ein Vorwurf gemacht, die heute wie selbstverständlich als die hauptamtlichen Erben der Politik des Alexander Langer angesehen werden. Gemeint sind die beiden Grünen im Landtag, Kury und Zendron, und das Häufchen Aufrechter um sie. Sie müssen sich an "damals", an "ihm" messen lassen. Zu scheitern wäre ihre ganz natürliche Bestimmung. Und nicht einmal unehrenhaft. Denn zu gewaltig ragt die Überfigur Langer, verklärt und überhöht noch durch das Pathos seines Todes, weiterhin in die politische Aktualität herein.

Tritt ein Problem auf, etwa jenes so schwer faßbare vom "Unbehagen der Italiener", wird gleich der Ruf laut: Ein Langer müßte her, als Mittler und Übersetzer. Tritt kein Problem auf (was bei dem materiellen Reichtum und der geistigen Genügsamkeit in diesem Land häufiger vorkommt) heißt es: Wo bleibt ein Langer, der mit Scharfsinn die Probleme der Zeit erkennt? Denn es muß welche geben. Ganz bestimmt gibt es welche. Und es hat nichts mit Verklärung der Vergangenheit zu tun, wenn man in der gegenwärtigen politischen Lage Südtirols den Langergeist vermißt. Auf seiten derer, die sich als seine Nachfolger empfinden, weil sie...(ach, wiederholen wir uns nicht und seien wir demütig!), aber auch auf seiten seiner Gegner. Weil sie mehr Aufpassen und ein besseres Training nötig hätten.

Die SVP und der Landeshauptmann würden mit ihrer Macht, begründet auf Geld, Tradition und Positionen, sicher behutsamer umgehen, wenn ihr jemand nur die Kraft der Argumente entgegenhielte: kompetent, konfliktstark und solidarisch. Und ohne Minderwertigkeitskomplexe gegenüber irgendwem. Auch gegenüber Alexander Langer.