pro dialog

Alexander Langer

Birgit Daiber: Ach diese Deutschen, ach diese Grünen
Alexander und ich trafen uns zum ersten Mai als Frischlinge 1989 im Europäischen Parlament. Ich kam aus der alternativen und feministischen Szene Berlins, er von der Grün-Alternativen Liste Südtirols.

Ich wußte wenig von ihm. Früher war er bei Lotta Continua. Dies war auch für mich Anfang der siebziger Jahre ein wichtiger politischer Bezugspunkt gewesen und ich fand gemeinsame Anknüpfungspunkte. Alexander war überaus kooperativ und auch diplomatisch so war es kein Wunder, daß er der erste Fraktionsvorsitzende der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament wurde. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht gelungen die Grünen aus den verschiedenen europäischen Ländern zu einer Fraktion zusammenzuführen und dazu zu motivieren nicht nur nebeneinander her zu agieren sondern gemeinsame Projekte miteinander zu realisieren. Er war ein exzellenter Mittler zwischen Süd und Nord, d.h. in unserem Fall zwischen den italienischen französischen und deutschen Grünen. ich habe sehr wenige Menschen in der europäischen Politik getroffen, die diese einzigartige Fähigkeit der Herstellung einer echten Kommunikation zwischen uns Europäern besitzen (Dany Cohn-Bendit hat sie übrigens auch). Diese Fähigkeit entspringt nicht nur aus der unmittelbaren persönlichen Erfahrung von mindestens zwei Kulturen - diese Erfahrung haben viele Menschen. Ich empfand diese Fähigkeit immer als ein Geschenk, denn darin kommen zugleich Hoffnung, Sympathie und auch die Neugierde aufeinander in ciner überaus positiven Weise zum Ausdruck.1989/90 war das Jahr der großen politischen Umbrüche. Im Frühjahr 1990 tagten wir in Berlin und wollten eine gemeinsame Resolution zum deutsch-deutschen Einigungsprozess verabschieden. Es entbrannte ein ziemlicher Streit um diesen Text, denn wir Deutschen wollten ihn viel radikaler in der Kritik des Einigungsprozesses als unsere italienischen und französischen Kollegen. Alex und ich sollten zusammen einen Kompromißtext vorbereiten. Innerhalb kurzer Zeit jedoch beschäftigte uns ein ganz anderes Thema. Er sagte: ,,Ich verstehe Euch Deutschen manchmal nicht. Mir scheint, ihr seid von einem Selbsthass geplagt der Euch dazu verführt, immer besonders streng und radikal sein zu wollen - auch an Punkten, wo es darum gar nicht gehen kann." Mein Argument war: "Wir können doch gar kein selbstverständliches Verhältnis zu unserem Land haben. Unsere Beziehung dazu ist notwendigerweise ambivalent und höchst schwierig. Schließlich haben wir die deutsche Geschichte zu tragen - ob wir wollen oder nicht." Alex stimmte mir darin zu, war aber der Meinung, daß damit noch nicht erklärbar sei, warum wir oftmals so harsch, unerbittlich und prinzipiell unsere Positionen vertreten müßten mit einem fast unerschütterlichen Mißtrauen gegen uns selbst und den Rest der Welt.

Es war ein langes und zum Teil sehr persönliches Gespräch, das wir miteinander hatten. Den Kompromißtext hatten wir vergessen und mußten ihn irgendwie in Windeseile erstellen. Ich glaube, dies war der Beginn unserer Freundschaft.

Irgendwann einmal ergab es sich, daß wir anfingen, uns kleine Botschaften zu senden - nicht große Texte oder Geschenke, nein, irgendeine Aufmerksamkeit, ein Signal: schau, ich bin in der Nähe. Diese persönliche Aufmerksamkeit pflegte Alex mit vielen Menschen, und sie war in der dünnen Luft der europäischen Politik etwas Einzigartiges. Gerade weil wir in unserem politischen Wanderzirkus eigentlich ständig mit Koffer und Dokumenten-Kiste durch die Welt zogen, hatten wir sehr formelle Beziehungen zueinander - die meisten wußten nichts vom persönlichen Lebenszusammenhang der anderen. Auf der einen Seite bewegten wir uns auf ziemlich engem Raum in den Sitzungen und Konferenzen oder auch in den Hotels und Tagungsstätten, auf der anderen Seite bemühten wir uns, einander nicht zu nahe zu geraten.

Einmal arbeitete er während eines Aufenthaltes in Berlin in meinem Büro und als ich das nächste Mal den PC einschaltete, fand ich dort ein kleines freundliches Gedicht von ihm. Oder er schickte mir einen politisch interessanten Text mit einem schönen Kartengruß. Wenn ich sah, daß er wieder rote Augenränder hatte und ganz durchsichtig aussah und unter der Unerfüllbarkeit der eigenen Ansprüche litt, dann versuchte ich, ihn ein wenig aufzuheitern. Doch bald sollte mir dies nicht mehr gelingen. Nachdem der Krieg im ehemaligen Jugoslawien explodierte war Alex bis zur Selbstaufgabe damit befasst, Friedensinitiativen zu initiieren, alle möglichen Veranstaltungen auf parlamentarischer und außerparlamentarischer Ebene zu organisieren, alle seine Kontakte zu nutzen, um irgend etwas in Richtung Frieden zu bewegen. 1993 im Sommer war er am Ende seiner Kraft. Er sprach davon, aus der Politik ausscheiden zu wollen, er hatte Angst und wirkte sehr deprimiert. Schließlich entschloß er sich doch zu einer zweiten Kandidatur fürs Europäische Parlament. Darüber waren wir alle sehr froh, denn wer - wenn nicht er - konnte die Grünen in Europa zusammenführen? Die Signale der Mutlosigkeit haben wir damals schnell vergessen.

Eine unserer letzten Begegnungen - ich schied aus dem Parlament aus - war im Mai 1994 eine gemeinsame Autofahrt zu einer Wahlveranstaltung von Bozen nach Padova. Es war ein warmer Mai-Nachmittag. Am Straßenrand im Trentino kauften wir uns eine große Tüte Kirschen und während der Fahrt sangen wir zusammen Volkslieder, die alten Lieder der Lotta Continua, linke romantische Songs wie ,,Sacco und Vanzetti". Ein klein wenig nostalgisch, aber auch mit gehöriger Selbstironie vergnügten wir uns und redeten zwischendurch über das Thema des Abends, ,,Ökologisches Wirtschaften" und über einen der merkwürdigen Unterschiede in der italienischen und der deutschen Politik: daß wir in der Bundesrepublik immer sehr ausführlich vor Wahlen um die Programmatik ringen, während die Programmatik der Parteien in Italien so gut wie keine Rolle spielt in den Wahlkämpfen.

Nach meinem Ausscheiden aus dem Europäischen Parlament war Alex einer der ganz wenigen ehemaligen Kollegen. mit denen ich in Kontakt blieb. Die Tradition der kleinen Signale pflegten wir weiter, auch wenn sie nun natürlich spärlicher wurden. Jetzt ist er schon zwei Jahre tot. Manchmal, vor allem wenn ich in Brüssel oder in Norditalien zu tun habe ertappe ich mich bei dem Gedanken, Alex eine kleine Notiz schicken zu wollen. . .