pro dialog

Alexander Langer

Selim Beslagic, Bürgermeister von Tuzla
Selim Beslagic ist heute 52 Jahre alt, bereits Großvater eines Enkelkindes und seit 1991 demokratisch gewählter Bürgermeister der bosnischen Stadt Tuzla. Er ist auch Vorsitzender der Unabhängigen Bosnischen Sozialdemokraten, früher Reformisten genannt und unter Führung von Ante Markovic eine Partei, die den Zusammenhalt zwischen den Volksgruppen Jugoslawiens zu erhalten versuchte. Daß Beslagic ein Moslem ist, bedeutete ihm früher nichts besonderes (wenn jemand vom Bürgermeister von Linz oder von Varese spricht, würde es einem auch schwerlich einfallen, sie als Christen zu qualifizieren), heute ist es das erste, was man ihm als Etikette umhängt. Denn Tuzla fällt nach den ethnischen Teilungsplänen der Großmächte in den "moslemischen" Bereich - weil dort traditionell rund 45 % der Bevölkerung aus Slawen besteht, die sich in der Zeit der Türkenherrschaft - wie viele Bewohner der Städte - dem Islam assimiliert haben - und ein weiteres Viertel der Bewohner sich als Jugoslawen bezeichnete und sich nirgend ethnisch zuordnen wollte. Der heutige Sprachgebrauch spricht von Moslems, denen die Serben und die Kroaten gegenüberstehen.

Früher war Tuzla vor allem eine Industriestadt, auf deutsch hieße sie "Salzburg", und dank der Salzbergwerke ließ es sich dort immer gut leben. Auch im 2.Weltkrieg, als die Partisanenstadt (ab 1943 in den Händen der Widerständler) sich jahrelang selbst erhalten und verteidigen konnte. Chemie - die Sodawerke SODASO und andere Fabriken - machten den Wohlstand der letzten Jahre aus. Als erst Jugoslawien zerbrach und dann in Bosnien-Herzegowina kurz nach der Unabhängigkeit die Verhärtung der ethnischen Fronten und der Krieg ausbrachen, gab es in Tuzla erstmals eine Mehrparteiendemokratie. "Während in vielen anderen Gebieten Bosniens die politischen Anführer den neu eingeführten Pluralismus schlicht als Aufspaltung nach drei ethnischen Parteien - die Serbenpartei SDS, die Kroatenpartei HDZ und die Moslempartei SDA - mißverstehen wollten, gab es bei uns einen klaren Sieg der Bürgerparteien, nicht der ethnischen Fronten. Bei uns siegte eine Koalition aus sozialdemokratischen Reformisten und Sozialliberalen; nicht einmal ein Viertel der Stimmen gingen an die ethnischen Fanatiker", sagt Beslagic, "wir nennen dies civic option, zum Unterschied von den Ethno-Parteien, die nur Streit säen". Begleitet von seiner Frau Amira und vom Vizepräsidenten der Reformisten, dem bosnischen Parlamentsabgeordneten Sejfudin Tokic, besuchte er vor wenigen Tagen das europäische Parlament in Straßburg, und hält sich auf der Rückreise in Südtirol auf. "Wir sind nun seit vier Jahren im Krieg, aber wir lassen uns nicht entmutigen. Als serbische Granaten die orthodoxe Kirche von Tuzla zerstörten - vielleicht wollte man den Serben sagen, sie sollten lieber verschwinden und sich alle in der aufständischen bosnischen Serbenrepublik sammeln - bauten wir sie einfach wieder auf - was wir übrigens auch mit unserem Museum tun. Wir waren schon 1943 die größte vom Faschismus befreite Zone in Europa, heute sind wir das größte freie Gebiet in Bosnien-Herzewogina, und trotz jahrelanger Belagerung geben wir nicht auf." Beslagic verwaltet heute unter schwierigsten Umständen, gemeinsam mit serbischen, kroatischen, moslemischen und jüdischen Gemeindevertretern, eine Stadt, die mittlerweilen einem bosnisch-moslemischen Kanton unterstellt wurde. "Wir wollen aus Bosnien keinen Moslemstaat machen und waren immer tolerant eingestellt. Die Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften feiern bei uns die Feste der anderen mit. Bei uns gibt es sogar einige Hundert Abkömmlinge italienischer Immigranten, auch aus dem Trentino. Wir wissen, daß unsere Chance nur in der Wiederversöhnung besteht. Heute ist unsere Bevölkerung - rund 120.000 Einwohner - gut zur Hälfte umgekrempelt: aus allen Volksgruppen sind viele dem Hunger und dem Krieg durch Auswanderung ausgewichen, dafür haben wir massenhaft moslemische Flüchtlinge in der Stadt. Für die Zukunft müssen wir auf Rückkehr aller Vertriebenen und Flüchtlinge setzen, Europa muß dies vorrangig unterstützen, und die Verbindungswege zum Rest der Welt offenhalten. In Tuzla haben wir eigentlich beste Voraussetzungen nicht nur fürs Durchhalten, sondern auch für den Wiederaufbau: gerade weil wir soviele qualifizierte Personen angezogen haben und es hier ein gutes Bürgerforum gibt und eine Partnerschaft mit verschiedenen europäischen Städten - darunter Bologna, Göteborg und Bremen - und den besten Flughafen Bosniens und in Friedenszeiten gute Verkehrsverbindungen und gut ausgebildete Jugendliche können wir aus eigener Kraft viel leisten - aber man darf uns nicht im Stich lassen." Wer in Tuzla geholfen hat, wie International Workers Aid, Balkan Actie oder Cause commune, weiß, daß bei uns jede Hilfe ohne Unterschied allen zugute kommt, es gibt keine ethnischen Mauscheleien.

Aufschlußreich ist die Geschichte, wie in Tuzla der Krieg ausbrach - vor genau vier Jahren. Als nach der Volksabstimmung zur Unabhängigkeit (April 1992), die von den Serben nicht anerkannt wurde, überall der Krieg ausbrach und Aggressionen begannen, verhandelten Selim Beslagic und seine Verwaltung Mitte Mai 1992 mit der Jugoslawischen Armee (JNA) über deren Verwandlung in eine Stadtwehr zum Schutz der Bürger. Ein Teil der Soldaten und Offizier tat dabei offen mit, andere sympathisierten insgeheim mit diesem Anliegen. Schließlich zog sich der Großteil der Armee aus der Stadt zurück, und die Serben wollten dies dann gleich in eine Belagerung und Eroberung von außen umfunktionieren. "Wir aber hatten Waffen und Munition beiseitegeschafft und konnten uns verteidigen, viele Militärs waren auf unserer Seite, trotz der 150 Toten gab es keine snipers - die Heckenschützen, denen in Sarajevo so viele Menschen zum Opfer fallen - und wir hatten vorsorglich einige extreme Nationalisten aller Seiten festgenommen. Unsere Polizei ist natürlich gemischt, wie unsere Verwaltung, und ist loyal geblieben. Deshalb fühlen wir uns auch im ethnischen Moslem-Kanton, in dem die nationalistische bosnische Partei SDA den Ton angibt, gar nicht so blendend wohl. Aber da uns die UNO zwar zur Sicherheitszone erklärt hat, aber dann überhaupt nicht schützt, muß man verstehen, wie es langsam langsam zur stärkeren Einflußnahme der moslemischen Nationalisten kommt."

Im November 1994 fand in Tuzla eine internationale Bürger- und Solidaritätskonferenz statt, die in Zusammenarbeit mit dem Bürgerforum Tuzla vom Verona Forum für Frieden und Wiederversöhnung im ehemaligen Jugoslawien organisiert wurde und an der auch eine Südtiroler Abordnung teilgenommen hat, die sich durch ungewöhnliche Mitbringsel auszeichnete: VW-Kleinbus für humanitäre Zwecke, Hektographiermaschine, Computer, Papier, Büromaterial für die politischen Tätigkeiten des Bürgerforums. Eine Frau aus Tuzla, Rada Gavrilovic (serbisch-bosnischer Abstammung) organisiert vom Europäischen Palament aus das Netzwerk zwischen Demokraten im ganzen ehemaligen Jugoslawien, zuhause ist man stolz auf sie. Von der Tuzla-Konferenz gab es eine klare Botschaft an Europa: "Stützt alle jene in Bosnien und im ganzen ehemaligen Jugoslawien, die noch zusammenleben können und wollen - wer heute einen Bürgermeister wie Beslagic fallenläßt und der ethnischen Erpressung und Belagerung preisgibt, wird morgen seine Mühe haben, wie in Mostar einen kommissarischen Bürgermeister aus Europa zur Wiederversöhnung einzusetzen." Wäre es nicht vernünftiger, Kräfte wie die Bürgerverwaltung in Tuzla zu stützen, solange es sie noch gibt?

Alexander Langer