pro dialog
Internationaler Alexander Langer Preis 2018 an das Institut für Umweltwissenschaften ARAVA - Begründungen.

Internationaler Alexander Langer Preis 2018 an das Institut für Umweltwissenschaften ARAVA für die gemeinsamen Umweltprojekte von Israelis und Palästinensern. Begründungen.

Aus Pflege der Umwelt in einem Konfliktgebiet wird Pflege der Menschlichkeit durch Dialog

Das Arava-Institut wurde im Jahr 1996 in einem Kontext gegründet, der sich vom heutigen ziemlich stark unterscheidet. Es waren die Jahre unmittelbar nach den Oslo-Abkommen, und für eine Weile und zum ersten Mal schien das Klima sehr günstig für eine dauerhafte Lösung im Israelisch-Palästinensischen Konflikt. Die Hoffnung musste aber einer anderen Wirklichkeit weichen, die vom Mord an Jitzchak Rabin im Jahr 1995 gekennzeichnet war. Die Gründer des Instituts waren sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst, die das Werk in einem israelischen Kontext bzw. ganz allgemein im Nahen Osten unvermeidlich mit sich bringen würde, und haben sich dazu entschieden, die Forschung und die Arbeit im Umweltbereich als Instrument des Friedens und der gegenseitigen Annäherung der Völker zu fördern.

Die Verwahrlosung der Umwelt geht häufig mit der Verwahrlosung der Gesellschaft und der Beziehungen zwischen den Völkern und Gruppen einher. Das Gebiet zwischen dem Süden Israels, Ägypten und Jordanien ist Zeugnis dafür: Der Konflikt zwischen Völkern erschwert die Lage, die aufgrund des Mangels und des komplexen Gebrauchs von Ressourcen in diesem großteils kargen Gebiet eh schon schwierig ist, erheblich. Das Institut erforscht insbesondere das Management und die Einsparungen von Energie und Wasser, zwei Ressourcen, die für das Leben aller Gemeinschaften grundlegend sind, und sucht nach grenzüberschreitenden Lösungen, indem es die Zusammenarbeit im Bereich Umwelt zwischen Israel, Jordanien und Palästina fördert. Nur durch vereinte Kräfte ist der Schutz der Umwelt möglich und nur die Umweltbelastung kann die Menschen davon überzeugen, dass Einklang mehr bringt als Konflikt. Die Zusammenarbeit im Bereich Umweltschutz ist die „natürlichste“ und die am wenigsten politische, und gerade aus diesem Grund ist sie gleichzeitig auch die politischste, denn sie ebnet den Weg für andere Formen der zukünftigen Zusammenarbeit.So wurde das Arava-Institut zu einem Brückenbauer, der durch die Förderung von grenzüberschreitenden Zusammenarbeiten im Umweltbereich einen konkreten Beitrag von unten leistet und dadurch allgemeine Probleme erkennt und Lösungen anbietet. Es ist dabei die Überzeugung des Instituts, dass der Konflikt nicht dadurch gelöst wird, dass die heikelsten, symbolbesetzten Probleme in Angriff genommen werden. Es ist aber ein Anfang, wenn man versucht, mit Antworten auf gemeinsame Fragen zu beginnen, mit denen sich alle Einwohner eines Gebiets beschäftigen, unabhängig von den Grenzen, die die Staaten, aber auch die Mitglieder der Gesellschaften voneinander trennen.

Arava leistet einen Beitrag zu diesem Gedanken, indem das Institut neue Generationen und damit auch neue Experten im Umweltbereich im Nahen Osten ausbildet, welche Umweltprobleme erkennen und mit einem grenzüberschreitenden und interdisziplinären Ansatz lösen. Der Ansatz ist grenzüberschreitend, da die Umwelt keine Grenzen kennt. Die Themen werden also aus einem regionalen Blickwinkel behandelt und die Studenten werden bewusst aus unterschiedlichen Herkunftsregionen ausgewählt: rund ein Drittel der Teilnehmer sind Israelis, ein Drittel Palästinenser bzw. Jordanier, und ein Drittel der Studenten kommen aus allen Ecken der Welt. Interdisziplinär hingegen ist der Ansatz dadurch, dass das Erforschen von Umweltthemen insbesondere in einer Region wie dem Nahen Osten nicht ohne Auseinandersetzung mit dem gegebenen sozialen und politischen Kontext stattfinden kann. Zum Fachwissen in verschiedenen Bereichen fügt sich außerdem die notwendige Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Gegend, in der man tätig ist, hinzu. Diese ist von äußerster Wichtigkeit, aber es ist genauso mühsam, diese zu erlangen. Wenn der Dialog abgebrochen ist oder gar nie begonnen wurde, ist der erste Schritt jener, den Dialog aufzubauen. Die Bildung von gemischten Gruppen und Räumen ist in diesen Gebieten keineswegs selbstverständlich. Häufig treten die Studenten zum ersten Mal in ihrem Leben mit Realitäten, Perspektiven und Empfindlichkeiten in Kontakt, die sich von den eigenen grundlegend unterscheiden. Nur durch diesen Prozess des Kennenlernens von sich selbst durch den anderen und des Kennenlernens der Gesellschaft durch den Dialog ist es möglich, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, die die Lösung der Probleme und langfristig auch die Überwindung der Konflikte herbeiführen kann.

Die Erfahrung von Arava lehrt uns, dass der Weg kein leichter ist. Nicht selten sind die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Realitäten und die Wahrnehmung der eigenen Realität schwierig, und es bedarf einer komplexen Aufarbeitung. Es geht darum, mit jenen zusammen zu leben, zu studieren und nach Lösungen für die Umwelt (und damit auch für die Gesellschaft und die Politik) zu suchen, die außerhalb des gegebenen Kontexts als Feind gelten. Dies ist nicht nur schwierig. Der gesellschaftliche Kontext, der viele einschüchtern mag, muss auch aufgearbeitet werden. Von keinem wird verlangt, eine Lösung für den Konflikt zu finden oder die eigenen Einstellungen diesbezüglich zu äußern. Es wird einzig die Möglichkeit geschaffen, zusammen an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Um mit der Verfolgung dieses Ziels beginnen zu können, muss man sich nicht kennenlernen. Vielmehr entstehen das gegenseitige Kennenlernen und Vertrauen durch das gemeinsame Arbeiten an einem gemeinsamen Ziel. Es ist leichter, Hass gegen jene zu richten, die einem fremd sind, als gegen jene, die man kennt. Aber der Abbau von Vorurteilen ist ein langer, mühsamer Weg. Im Institut lernen die Studenten gemeinsam und teilen sich die Räumlichkeiten, und zwar bis zu einem Jahr lang. Sie versuchen, das Trennende abzubauen und Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Der Eindruck ist sehr stark, auch weil die Kurse innerhalb eines Kibbuz (Ketura in der Arava-Gegend im Südosten Israels) abgehalten werden. Diese Wahl war keine einfache und ist auch nicht frei von Kritik. Der Konflikt spielt sich gleich nebenan ab, er ist immer präsent, steht aber nie im Mittelpunkt. Die Studenten sollen nicht nur die Erfahrungen und die Ansichten der anderen kennenlernen. Vielmehr sollen sie sich dadurch kritische Gedanken über die eigenen Einstellungen machen. Den anderen kennenlernen und sich selbst zu hinterfragen sind die zwei wesentlichen Schritte, um selbst zum Brückenbauer zu werden. Sie sind unerlässlich, aber gleichzeitig ist es unglaublich schwierig, diese Schritte im Alltagsleben zu machen. Wenn man seinen sicheren Hafen mit dem eigenen Weltbild verlässt braucht es Zeit, die richtige Einstellung, Mühe und Fleiß, weil die Gefahr, in die manichäische Unterscheidung zwischen richtig und falsch zurückzufallen, ist stets gegeben. Auch wenn die Absichten die besten sind.

Arava ist nicht nur in der Wahl des Themas und des Ansatzes eine Erfahrung im Sinne Langers, wenngleich sie eigen ist. Die Wahl des Instituts als Preisträger des Langer-Preises 2018 folgt auf den Preis, der im Jahr 2001 an Sami Adwan und Dar Bar On, Gründer des Peace Research Institute for the Middle East (PRIME), ging, die mit der Unterstützung von Studenten und Lehrern das Schulbuch „La storia dell’altro“, zusammengestellt haben. Dieses Buch sammelt die zwei unterschiedlichen Erzählweisen der Geschichte in einem Gebiet, das stark von diesen gegensätzlichen Erinnerungen geprägt ist. Durch das Kennenlernen und das Akzeptieren des Anderen wird ein erster Schritt der Annäherung gemacht. Während das Buch „La storia dell’altro“ sich den heikelsten Fragen und den veankertsten Tabus in den Konfliktzonen stellt, wählt Arava einen anderen Weg. Das Ziel ist jedoch dasselbe und auch die Wahl von kleinen realistischen Schritten ist beiden Projekten gleich. Wenn es noch nicht gelingt, eine gemeinsame Geschichte zu schreiben, so kann man damit beginnen, die Geschichte des anderen zu lesen. Wenn es nicht gelingt, den Konflikt zu lösen, so können die Probleme gelöst werden, die jene verbinden, die sonst in allen Punkten geteilt sind. Indem man hilft, flexible Köpfe zu bilden, kann es gelingen, die Steifheit gewisser unvereinbarer Positionen zu schwächen. Der Preis kehrt nach Israel und Palästina zurück und wird zum Resonanzboden für die Botschaft von Arava, die jener von Alexander Langer sehr ähnelt: die Pflege der Umwelt in einem Konfliktgebiet führt zur Pflege der Menschlichkeit durch Dialog. Bis dato haben mehr als tausend Studenten das Kursangebot von Arava genutzt. Sie sind es, die als Multiplikatoren der Ideen und der Methode fungieren und als Lösungsfinder wirken. Der Preis ist ein Zeichen der Anerkennung für ihr Wirken, aber auch eine Ermutigung für all jene, die innovative Wege suchen, um die Hindernisse des Konflikts zu überwinden und Probleme zu lösen, statt neue zu schaffen.

Das Wissenschafts- und Garantiekomitee der Stiftung setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Karin Abram, Grazia Barbiero, Paolo Bergamaschi, Mauro Bozzetti, Anna Bravo, Umberto Cini, Luca Cirese, Giovanni Damiani, Caterina Del Torto, Roberto De Bernardis, Udo Enwereuzor, Bettina Foa, Annamaria Gentili, Giovanna Grenga, Giulia Galera, Gerhard Kuck, Fabio Levi, Massimo Luciani, Fabiana Martini, Marzio Marzorati, Giorgio Menchini, Pinuccia Montanari, Francesco Palermo (Laudator), Ilaria Maria Sala, Salvatore Saltarelli, Marianella Sclavi, Gianni Tamino, Mao Valpiana, Nazario Zambaldi.

8.000 von dem 10.000 Euro Preisgeld wird von der Stiftung Südtiroler Sparkasse gestiftet.


Fondazione Alexander Langer Stiftung, Onlus

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